Das Österreichische Spendengütesiegel: Eine Kritik

Zewo-Gütesiegel

Nach unserer kritischen Betrachtung der in Deutschland gebräuchlichen Spendensiegel, des DZI-Spendensiegels und des PHINEO-Wirkt-Siegels, sowie des schweizerischen Zewo-Gütesiegels, wollen wir auch das Österreichische Spendengütesiegel (OSGS) unter die Lupe nehmen.

Dabei zeigt sich: Wer nur sichergehen möchte, ob eine österreichische Non-Profit-Organisation (NPO) seriös arbeitet und Spenden bei ihr wirklich ankommen, ist beim Österreichischen Spendengütesiegel gut aufgehoben. Wer hingegen auch wissen möchte, ob eine NPO tatsächlich sinnvolle Arbeit leistet und eine möglichst große positive Wirkung erzielt, muss sich anderweitig umsehen.

Was ist das Österreichische Spendengütesiegel?

Das Österreichische Spendengütesiegel ist ein staatlich-ungebundenes, freiwilliges Gütesiegel für gemeinnützige Organisationen in Österreich. Es hat den Anspruch „für Sicherheit und Transparenz beim Spenden“ zu stehen. Es soll belegen, dass eine „Spendenorganisation mit den ihr anvertrauten Geldern sorgfältig und verantwortungsvoll umgeht” und dass „Spendengelder zweckbestimmt und wirtschaftlich eingesetzt werden.“

Das Siegel wurde 2001 auf Initiative von sechs österreichischen NPO-Dachverbänden ins Leben gerufen in Partnerschaft mit der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW). Hintergrund der Initiative war ein großer Spendenskandal, der 1998 die Republik erschüttert hatte: Beim christlichen Hilfswerk World Vision Österreich waren 15 Millionen Schilling von der Geschäftsführung veruntreut worden.

Zu den ersten Siegelträgern gehörten u.a. Amnesty International Österreich, Ärzte ohne Grenzen Österreich, Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, Jugend Eine Welt, Licht für die Welt, SOS-Kinderdorf und Vier Pfoten.

Mittlerweile ist das Siegel gut etabliert und spielt für viele Menschen eine ausschlaggebende Rolle in ihrer Spendenentscheidung. Zwar tragen mit Stand November 2023 nur 277 der wohl über 85.000 aktiven NPOs in Österreich das Siegel, aber darunter sind 80 der 100 größten. So flossen 2023 etwa zwei von drei gespendeten Euro an Träger des Spendengütesiegels.

Was geprüft wird – und was nicht

Um das Österreichische Spendengütesiegel zu erhalten, muss sich eine Organisation einer jährlichen Prüfung durch einen Wirtschaftstreuhänder unterziehen. Werden die von den NPO-Dachverbänden zusammen mit der KSW festgelegten Standards des Siegels eingehalten, darf die Organisation dieses für ein Jahr führen. Die Prüfkosten – eine Bearbeitungsgebühr an die KSW von 111–296 Euro pro Jahr sowie die Kosten des Wirtschaftstreuhänders – trägt die Organisation selbst.

Aktuell gilt es für Organisationen, 35 Prüfkriterien zu erfüllen. Zu deren Überprüfung stellt die KSW ihren Wirtschaftstreuhändern einen Katalog mit 282 Fragen zur Verfügung.

Im Fokus stehen dabei – vereinfacht gesagt – folgende Punkte:

  • Die Organisation wird professionell geführt: Sie verfügt über geeignete Kontroll- und Planungssysteme (s. Kriterien 1–15).
  • Die Spendenwerbung der Organisation ist wahr, eindeutig und sachlich richtig (s. Kriterien 16–27).
  • Die Spendengelder werden zweckgerichtet, sparsam und wirtschaftlich verwendet (s. Kriterien 28–33).
  • Die Organisation ist transparent und veröffentlicht wahrheitsgemäße Jahresberichte inklusive Finanzberichte (s. Kriterien 34–35).

An diesen Punkten selbst, die übrigens weitgehend denen des DZI-Spendensiegels entsprechen, gibt es nicht viel auszusetzen. Es sind Kriterien, die jede Organisation erfüllen muss, die nachhaltig hocheffektive Hilfe leisten will. Kritische Anmerkungen lassen sich höchstens zu zwei Aspekten machen:

  • Zur Rolle der Verwaltungskosten: Warum diese aus unserer Sicht weitgehend unerheblich sind, erklären wir in einem eigenen Artikel.
  • Zum Mehrwert der Gütesiegelprüfung zusätzlich zu staatlichen Kontrollmechanismen: Auch unabhängig vom Spendengütesiegel werden die obigen Punkte zum Teil geprüft im Rahmen der jährlichen Bilanzprüfung, die bei Spendeneinnahmen von über 1 Million Euro pro Jahr verpflichtend ist, und der erweiterten jährlichen Prüfungen für alle spendenbegünstigten Organisationen.

Anlass zu grundsätzlicher Kritik gibt allerdings, was nicht geprüft wird. Keines der 35 Kriterien und keine der 282 Fragen beziehen sich auf die Wirkung der von der Organisation geleisteten Arbeit (von ihrer komparativen Kostenwirksamkeit ganz zu schweigen). Wie Dr. Christian Grünhaus, wissenschaftlicher Leiter und Senior Researcher des Kompetenzzentrums für Nonprofit Organisationen der WU Wien, pointiert in einem Vortrag zum Spendengütesiegel bemerkt: Ob in der Organisation Fahrtenbücher geführt werden, ist dem Spendengütesiegel eine Frage wert (Frage 2.2.1.9.). Ob die Organisation mit ihrer Arbeit wirklich einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft, hingegen nicht.

Warum die Wirkung zählt

Anders als das Österreichische Spendengütesiegel, sind wir bei Effektiv Spenden der Überzeugung, dass bei der Prüfung von Non-Profit-Organisationen ihre Wirkung im Vordergrund stehen sollte. Denn letztlich ist es kein Selbstzweck, dass Spenden sicher ankommen. Es ist nur eine Voraussetzung dafür, dass sie eine positive Wirkung – oder neudeutsch: Impact – entfalten können. Darum geht es letztendlich: Dass Spenden etwas bewegen. Und nicht nur etwas, sondern möglichst viel.

Leider garantiert aber eine seriöse Arbeitsweise, wie sie das Spendengütesiegel bescheinigt, noch keine guten Ergebnisse. Nicht alle seriösen Projekte sind auch sinnvoll (s. z.B. den Fall PlayPump International).

Bei der Auswahl eines Spendenprojekts ist es deshalb aus unserer Sicht entscheidend, welche Wirkung es im Verhältnis zu seinen Kosten erzielt (Kostenwirksamkeit). Je mehr Gutes ein Projekt pro gespendetem Euro bewirkt, je mehr Menschen oder Tieren es damit etwa hilft, desto besser. Dank einer Vielzahl methodischer Innovationen in den letzten Jahrzehnten, lässt sich die Kostenwirksamkeit von Organisationen heute durch wissenschaftliche Studien und Analysen einigermaßen einschätzen, und grob zwischen Organisationen vergleichen. Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen verschiedenen Hilfsprojekten: Die besten bewirken mit jedem Euro bis zu 100-mal mehr als durchschnittliche Initiativen.

Weltweit führend bei solchen vergleichenden Kosten-Wirksamkeits-Analysen ist unsere US-amerikanische Partnerorganisation GiveWell. Das Forschungsinstitut investiert jährlich über 50.000 Arbeitsstunden darin, die weltbesten Hilfsorganisationen zu finden. Auf dieser Forschung beruhen die Spendenempfehlungen von Effektiv Spenden im Bereich Armut bekämpfen.

Um den Unterschied zwischen den Ansätzen des Österreichischen Spendengütesiegels und von GiveWell zu veranschaulichen, werfen wir einen Blick auf die Informationen, die beide online zu ihren geprüften Organisationen bereitstellen.

GiveWell veröffentlicht ihre wissenschaftlichen Evaluierungen hochtransparent auf ihrer Website. Sie sind äußerst umfangreich und gespickt mit Fußnoten. Im Fall der Organisation Malaria Consortium sind es ausgedruckt beispielsweise 76 A4-Seiten. Neben zahlreichen Studien sind dort auch komplexe Berechnungen verlinkt, anhand derer sich die Aussagen zur Kosteneffektivität nachvollziehen lassen. (Eine deutsche Zusammenfassung findest du hier.)

Im Vergleich dazu veröffentlicht das Österreichische Spendengütesiegel von ihren Trägern – wie hier am Beispiel von Ärzte ohne Grenzen Österreich –  lediglich eine kurze Selbstbeschreibung, Kontaktdaten und das Spendenkonto. Das Spendengütesiegel ist damit selbst intransparent und bleibt hinter dem DZI-Spendensiegel zurück, das – wie hier am Beispiel von Ärzte ohne Grenzen Deutschland – zumindest etwas umfangreicher zum Ergebnis der Prüfung informiert.

Unser Fazit zum Spendengütesiegel

„Spenden? Aber sicher!“ – Dieser Slogan des Österreichischen Spendengütesiegel ist ganz treffend. Das Siegel ist bei gemeinnützigen Organisationen in Österreich ein hilfreiches Signal für potenzielle Spenderinnen und Spender, dass die Organisation seriös arbeitet. Man könnte sagen, es erfüllt eine ähnliche Funktion wie das Pickerl beim Auto: Es prüft, ob gemeinnützige Organisationen (noch) verkehrstauglich sind und kein Risiko für Spender darstellen. 

Anders sieht es aus bei einem weiteren Slogan des Spendengütesiegels: Es bezeichnet sich selbst auch als „Das sichere Zeichen für Spenden mit Sinn.“ Wie wir gesehen haben, ist das leider nicht zutreffend. Über die Sinnhaftigkeit einer Spende, ihre Effektivität, gibt das Siegel keine Auskunft. Es ermittelt keine Testsieger.

Was du stattdessen tun kannst

Aus diesem Grund und auch wegen der regionalen Beschränkung auf in Österreich ansässige Organisationen, empfehlen wir: Spende lieber unabhängig vom Österreichischen Spendengütesiegel – an Organisationen, deren exzellente Kostenwirksamkeit auch im Vergleich zu anderen Organisationen von Experten nachgewiesen wurde und egal, in welchem Land die Organisation ihren Sitz hat.

Solche Organisationen findest du bei Effektiv Spenden. Ganz gleich, ob es um die Bekämpfung extremer Armut, wirksamen Klimaschutz oder Tierschutz, den Erhalt der Demokratie oder die Minderung existenzieller Risiken geht.

Wir kuratieren in Zusammenarbeit mit unabhängigen Forschungsinstituten wie GiveWell, Founders Pledge, Animal Charity Evaluators ein kleines Portfolio von herausragenden internationalen Organisationen in den jeweiligen Bereichen. Wir informieren und beraten zur Arbeit unserer empfohlenen Organisationen. Und ermöglichen dir, über unsere Spendenplattform bequem und ohne Abzüge an sie zu spenden (aus Österreich aktuell leider noch ohne steuerliche Absetzbarkeit).

Wichtig: Wir erhalten weder direkte noch indirekte Vergütungen von den von uns empfohlenen Organisationen. Die Arbeit unserer unabhängigen und gemeinnützigen Organisation wird zu 100% durch freiwillige Spenden finanziert. Von Menschen, die wie wir daran glauben, dass man mit wohlüberlegten Spenden noch viel mehr Menschen und Tieren in Not helfen kann. 

Falls wir dein Interesse wecken konnten, du noch Fragen oder Anregungen hast, oder eine kostenlose persönliche Spendenberatung wünscht, melde dich gern bei uns.

(Bildquelle: Laptop mit geöffneter Homepage des Österreichischen Spendengütesiegels mit Stand 10. April 2024, eigene Aufnahme)

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