Verwaltungskosten: Ein schlechter Grund zu spenden

Verwaltungskosten: Ein schlechter Grund zu spenden

Viele Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren gesprochen habe, teilen meinen Wunsch, mit der eigenen Spende möglichst viel Gutes tun zu wollen. Sie möchten eine gemeinnützige Einrichtung unterstützen, die mit dem ihr zur Verfügung stehenden Geld sorgsam umgeht und möglichst vielen Menschen hilft.

Leider ist es sehr aufwendig, die eigentliche Wirkung sozialer Organisationen miteinander zu vergleichen, insbesondere wenn man diese ins Verhältnis zu den anfallenden Kosten setzt. Daher macht das in Deutschland bisher auch niemand. Selbst der sogenannte „Spenden-TÜV” überprüft nur die Einhaltung gewisser Mindeststandards, versucht aber nicht herauszufinden, welche Einrichtung die beste Arbeit macht. In Ermangelung guter Antworten auf diese wichtige Frage hat man sich mit den Jahren auf eine scheinbar leichter zu berechnende Kennzahl geeinigt, nämlich die Verwaltungskosten. Sie sollen ein guter Indikator dafür sein, ob eine Hilfsorganisation gute Arbeit macht. Die Argumentation geht dann so: Wenn die Verwaltungskosten niedrig sind, erzielt die Einrichtung eine größere Wirkung. Denn schließlich kommt mehr Geld direkt bei den Menschen an, denen man helfen möchte. Die Höhe der Verwaltungskosten seien also eine gute Grundlage für die eigene Spendenentscheidung. Ganz ohne geht es natürlich auch nicht, aber mehr als 17% sollten es bitteschön nicht sein, so eine Umfrage.

Wenn ich ein Venn Diagramm zeichnen müsste, welches die Überschneidung zwischen dieser Aussage und der Wahrheit veranschaulicht, dann würde es so aussehen:

Es gibt nicht nur keine Überschneidung, die beiden Kreise berühren sich nicht einmal. Die Aussage könnte schlicht nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Verwaltungskosten sind weder einfach zu berechnen, noch sind sie hilfreich für die Entscheidung, ob man eine Initiative mit einer Spende bedenken sollte oder nicht.

Grundbedingung dafür, Verwaltungskosten als Vergleichsmaßstab zu nutzen wäre, dass sie einfach und vor allem einheitlich zu berechnen sind, man also nicht Äpfel mit Birnen vergleicht. Dem ist nicht so. Besonders deutlich wird dies, wenn es darum geht, die Personalkosten, die bei vielen Hilfsorganisationen den Großteil des Budgets ausmachen, zuzuordnen. Wie viel Prozent der Arbeit ist der Werbung und Verwaltung zuzurechnen, wie viel der eigentlichen Projektarbeit? Ist die Erstellung eines Flyers de facto Werbung, oder handelt es sich um Aufklärungsarbeit? Kann man hier auch mal Fünfe gerade sein lassen? Natürlich kann man das. Selbst das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen gibt an, dass eine Person, die zumindest 80% einem Bereich zuzurechnen ist, der Einfachheit halber diesem auch gleich zu 100% zugerechnet werden kann (nicht muss). Was ist mit den Kosten vor Ort? Oft werden diese vollumfänglich als Projektkosten verbucht, was von der FAZ als „Augenwischerei” bezeichnet wird, weil auch dort Verwaltungskosten anfallen. Wenn man alle Spielräume und mögliche Definitionen zusammennimmt und dies mit dem starken Anreiz der Spendenorganisationen kombiniert, den Spenderinnen möglichst niedrige Verwaltungskosten zu präsentieren, scheint eine gesunde Skepsis angebracht, was die Objektivität dieser Zahlen angeht.

Viel wichtiger ist aber die in meinen Augen offensichtliche Tatsache, dass es zwischen den Verwaltungskosten, selbst wenn man sie einheitlich und objektiv berechnen könnte, und der pro Euro erzielten Wirkung eines Projekts keinen Zusammenhang gibt. Viele Maßnahmen erzielen keine oder sogar eine negative Wirkung. Da hilft es dann auch nichts, wenn die dahinter stehenden Organisation an der Verwaltung spart. Ein für mich diesbezüglich besonders überzeugendes Argument ist der Vergleich mit der For-Profit-Welt. Wenn ich eine Entscheidung darüber treffen soll, ob ich mir ein neues Smartphone oder Auto zulege, in welches Restaurant ich gehe, welchen Friseur ich aufsuche oder in welchem Supermarkt ich meine Lebensmittel kaufe, spielt die Höhe der Verwaltungskosten des jeweiligen Unternehmens keinerlei Rolle. Warum sollte es auch? Ich habe noch nie gehört, dass jemand gefragt hat, ob denn nun Apple oder Samsung die höheren Verwaltungskosten hat. Und natürlich wäre diese Information nie Grundlage dafür, welches Handy man kauft. Baut Daimler bessere Autos als BMW, weil die Vergütung des Vorstandsvorsitzenden und damit die Verwaltungskosten geringer ist? Hätte Red Bull mehr Erfolg gehabt, wenn sie nicht so viel in Werbung investiert hätten? Bekommt man bei einer Versicherung einen „besseren Deal”, wenn diese in der Buchhaltung mehr auf Ehrenamtliche oder Praktikanten setzt?

In meinem Kopf ist die Antwort auf all diese Fragen ein klares „Nein“. Ein Zusammenhang zwischen dem Preis-Leistungs-Verhältnis eines Produktes oder auch dem generellen Erfolg eines Unternehmens und der Höhe seiner Verwaltungskosten existiert nicht. Warum sollte es in der Non-Profit-Welt anders sein? Warum sollten es ausgerechnet hier Sinn machen, am Personal zu sparen? Das Ressentiment gegen hohe oder auch nur der Qualifikation entsprechende Gehälter im sozialen Sektor fand ich immer schon befremdlich. Das ist, als wollte man sagen: „Wer schon im Rahmen seines Jobs versucht, die Welt ein bisschen besser zu machen, sollte dafür wenigstens schlecht bezahlt werden.“ Zudem glaube ich, dass man mit niedrigen Gehältern (und somit Verwaltungskosten) der eigentlichen Zielgruppe, also den Menschen, denen man helfen will, keinen Gefallen tut. Im Gegenteil. Wenn man es aufgrund einer zu niedrigen Gehaltsstruktur nicht schafft, erfahrene und qualifizierte Mitarbeiterinnen zu gewinnen oder zu halten, wird man seine Mission nur schwer erfüllen können. Der Fokus, die Kosten in bestimmten Bereichen zu minimieren, kann dazu führen, dass eine Organisation strukturell nicht nachhaltig aufgestellt ist. Statt die Maximierung der eigenen Wirkung in den Vordergrund zu stellen, konzentriert man sich dann darauf, Ausgaben in Bereichen zu reduzieren, die nicht den Kern seiner Arbeit ausmachen. Das Maecenata Institut drückt dieses Paradoxon in dem Aufsatz „Die Verwaltungskosten von Nonprofit-Organisationen“ wie folgt aus:

Der öffentliche Minimierungsdruck ist bei genauerer Betrachtung problematisch, da er nicht mit Grundsätzen von Effektivität kompatibel ist.

Dieser Aussage schließe ich mich an. Bei effektiv-spenden.org glauben wir, dass es Organisationen gibt, die pro Euro 100-mal mehr Hilfe leisten als andere, aber nicht weil sie besonders geringe Verwaltungskosten haben, sondern weil sie sich darauf konzentrieren, die weltweit wirksamsten Ansätze zu identifizieren und diese effizient umzusetzen.

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Sebastian Schwiecker Avatar

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