Wie wichtig sind 1,5 Grad? Eine Einordnung.

Fast täglich erreichen uns Nachrichten über extreme Wetterereignisse, die durch den Klimawandel immer häufiger ausgelöst oder in ihrem Ausmaß deutlich verstärkt werden. Ein Negativrekord jagt den nächsten. 

Was ist nötig, um den Klimawandel und die Erderwärmung zu stoppen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die 1,5-Grad-Grenze? Welche Rolle spielen Spenden? Und wie effektiv können und sollen sie sein?

Das sind die Themen meiner aktuellen Blogbeiträge. Im ersten Teil versuche ich, die 1,5-Grad-Marke einzuordnen. Im zweiten Teil beleuchte ich, was nötig ist, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Und im dritten Teil erläutere ich, wie Spenden einen möglichst wirksamen Beitrag dazu leisten können.

Die Rolle der 1,5-Grad-Grenze

Das Jahr 2023 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, mit globalen Temperaturen nahe der 1,5°C-Marke. Der Januar 2024 brach bereits den nächsten Temperaturrekord – laut Copernicus, dem Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union, lag die Durchschnittstemperatur der vergangenen zwölf Monate erstmals mehr als 1,5°C über dem vorindustriellen Mittel von 1850-1900.

Ist damit die 1,5°C-Grenze bereits überschritten? Welche Rolle spielt diese Grenze überhaupt? Und was bedeutet es, wenn wir sie überschreiten?

Warum eigentlich 1,5°C? 

Eine globale Erwärmung um maximal  1,5°C wird heute weithin als ein gerade noch akzeptabler Zustand für die Lebensbedingungen der großen Mehrheit der Menschen auf der Erde angesehen. Dieser Wert ist jedoch relativ neu – und wird aufgrund der Entwicklungen der letzten 5-10 Jahre jedoch schon jetzt als nahezu unerreichbar angesehen. 

Ausgangspunkt war die UN-Klimakonferenz COP21 in Paris im Dezember 2015. Damals einigten sich 197 Staaten auf ein neues, globales Klimaschutzabkommen, mit dem Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf „deutlich unter 2°C zu begrenzen, mit Anstrengungen für eine Beschränkung auf 1,5°C.“

Seitdem ist das ehrgeizigere der beiden Ziele, die Begrenzung auf 1,5°C, in den Vordergrund gerückt. Insbesondere die Allianz der kleinen Inselstaaten (Alliance of Small Island States, AOSIS) erachtete 2°C als inakzeptablen Grad der Erwärmung und als existenzielle Bedrohung und setzte sich gemeinsam mit weiteren Ländern aus der Gruppe der „am wenigsten entwickelten Länder“ (englisch: Least Developed Countries, LDC) und der Zivilgesellschaft für die schärfere 1,5°C-Grenze ein.

Im wissenschaftlichen Kontext wurde der Schwellenwert im IPCC „Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung“ (SR1.5) aufgegriffen. Der Sonderbericht konstatiert deutlich erhöhte Klimarisiken und -folgen bei einem Temperaturanstieg von 2°C gegenüber einem Anstieg von „nur“ 1,5°C. 

Damit wird auch deutlich, dass dieser Grenzwert zwar wissenschaftlich untermauert, aber auch politisch motiviert ist und letztlich durch eine Interdependenz von Wissenschaft und Politik beschrieben werden kann.

Haben wir die 1,5°C-Grenze nicht schon überschritten? 

Auch wenn wir der 1,5°C-Schwelle immer näher kommen: Es gibt einen Unterschied zwischen der globalen Temperatur an einzelnen Tagen oder gar in einem ganzen Jahr und dem langjährigen Mittel. Wenn bei Verhandlungen wie der Weltklimakonferenz COP28 von der 1,5°C-Schwelle die Rede ist, ist letzteres gemeint – 1,5°C Erwärmung meint einen Mittelwert über ein Jahrzehnt. Laut dem Synthesebericht zum sechsten Sachstandsbericht des IPCC (AR6) lag die globale Oberflächentemperatur im Zeitraum 2011-2020 bereits um 1,1 °C über dem Niveau von 1850-1900. Wir müssen angesichts weiterhin sehr hoher weltweiter Treibhausgasemissionen also damit rechnen, dass die Erde in etwa zehn Jahren in einer solchen 10-Jahres Durchschnittsbetrachtung schon die 1,5°C-Marke überschreiten wird. Dies noch zu verhindern wäre nur möglich, wenn die globalen Treibhausgasemissionen bis 2025 ihren Höhepunkt erreichen und danach sehr schnell fallen würden. Mehr dazu im zweiten Teil.

Was passiert, wenn wir die 1,5°C-Grenze überschreiten? 

Der Klimawandel wirkt sich bereits heute „auf alle bewohnten Regionen der Erde aus, wobei der Einfluss des Menschen zu vielen beobachteten Änderungen bei Wetter- und Klimaextremen beiträgt“ (vgl. IPCC, S. 9), wie wir inzwischen auch regelmäßig aus den Nachrichten erfahren. Dementsprechend hat bereits eine nur zeitweise Erwärmung um 1,5°C, wie sie im Jahr 2023 zu beobachten war, erhebliche Auswirkungen.

Mit jeder weiteren Zunahme der globalen Erwärmung nehmen auch die Intensität und Häufigkeit von Extremereignissen wie Hitzewellen, Starkregen oder Dürren zu. Dabei ist der Zusammenhang leider nicht linear, sondern sogar überproportional. Jedes weitere Zehntel Grad Celsius Erwärmung verursacht also noch stärkere Klimafolgeschäden als das vorangegangene Zehntel Erwärmung, und je höher die Temperatur, desto größer sind die zusätzlichen Risiken und Schäden, die eine weitere Erwärmung mit sich bringt.

Hinzu kommt die Gefahr sogenannter Kipppunkte oder „Tipping Points“ im Erdsystem. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist ein Kipppunkt der Punkt, an dem eine kleine weitere Veränderung einen großen Unterschied in einem System ausmacht – also beispielsweise der Punkt, an dem man auf einem wippenden Stuhl tatsächlich umkippt. Im Zusammenhang mit der Klimakrise ist ein Tipping Point der Punkt, an dem ein System unaufhaltsam – und ohne dass es eines weiteren Temperaturanstiegs bedarf – in einen neuen Zustand „kippt“. Beispielsweise droht Grönlands Eisschild einen Punkt zu erreichen, an dem das Abschmelzen des gesamten Eisschildes nicht mehr aufzuhalten ist, ganz unabhängig davon, wie sich die Treibhausgasemissionen ab dem Zeitpunkt entwickeln. 

Der Co-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Johan Rockström, beschreibt in einem aktuellen Interview mit der ZEIT, dass bereits bei einer Erwärmung der Erde um 1,5°C fünf Kipppunkte für wichtige klimaregulierende Systeme (z.B. bestimmte Wälder, Meeresströmungen und Eismassen) mit hoher Wahrscheinlichkeit erreicht werden. Bei einem stärkeren Temperaturanstieg steigt die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen dieser und anderer Kipppunkte zusätzlich an. 

Wichtig ist, dass wir die 1,5°C-Marke nicht als „Wand“ oder „Klippe“ verstehen, sondern als ambitionierte Grenzziehung. Ein Temperaturanstieg von 1,51°C bedeutet nicht das sofortige Ende der Welt, genauso wenig wie ein Temperaturanstieg von 1,49°C bedeutet, dass der Klimawandel keine Auswirkungen hat. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,4°C ist besser als 1,5°C. 1,7°C ist besser als 1,8°C, 2,1°C ist besser als 2,2°C usw. Es gilt also: Je stärker wir die Erderwärmung begrenzen können, desto geringer sind die Folgen. Und je stärker sich die Erde bereits erwärmt hat, desto größer sind die Folgen eines weiteren Temperaturanstiegs. Jedes Zehntel Grad zählt!

Zum nächsten Artikel der Serie.

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