Wie halten wir den Klimawandel auf?

Fast täglich erreichen uns Nachrichten über extreme Wetterereignisse, die durch den Klimawandel immer häufiger ausgelöst oder in ihrem Ausmaß deutlich verstärkt werden. Ein Negativrekord jagt den nächsten. 

Was ist nötig, um den Klimawandel und die Erderwärmung zu stoppen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die 1,5-Grad-Grenze? Welche Rolle spielen Spenden? Und wie effektiv können und sollen sie sein?

Das sind die Themen meiner aktuellen Blogbeiträge. Im ersten Teil versuche ich, die 1,5-Grad-Marke einzuordnen. In diesem zweiten Teil beleuchte ich, was nötig ist, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Und im dritten Teil erläutere ich, wie Spenden einen möglichst wirksamen Beitrag dazu leisten können.

Wie halten wir den Klimawandel auf?

Kohlenstoff in der Atmosphäre ist extrem langlebig. Einmal freigesetztes CO2 reichert sich in der Atmosphäre an und beeinflusst das Klima für Hunderte bis Tausende von Jahren. Selbst wenn wir die Emissionen auf Null reduzieren, bedeutet das, dass die Erwärmung zwar aufhört, die Welt sich aber noch Jahrhunderte bis Jahrtausende nicht abkühlt. Das bedeutet auch: Solange wir CO2 (und andere Treibhausgase) ausstoßen, nimmt die globale Erwärmung immer weiter zu.[1] 

Daraus folgen drei wichtige Konzepte für den Klimaschutz: „Net Zero“, also Netto-Null-Emissionen, „Net Negative“, also eine Situation, in der die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre wieder reduziert wird, und sogenannte „CO2-Budgets“.

Nur wenn wir Netto-Null-Emissionen (oder Netto-Treibhausgasneutralität) erreichen, können wir – als ersten Schritt – zumindest einen weiteren Temperaturanstieg verhindern. Als Faustregel für die Einhaltung der 1,5°C-Grenze gilt, dass wir die globalen CO2-Emissionen bis 2030 in etwa halbieren und bis 2050 auf „Netto-Null“ bringen müssen. „Netto-Null“ bedeutet, dass alle dann noch vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen der Atmosphäre sofort (und ggf. an anderer Stelle) wieder entzogen werden, so dass der Bestand an Treibhausgasen in der Atmosphäre nicht mehr zunimmt. Die verbleibenden Emissionen müssen also durch „negative Emissionen“, d.h. durch natürliche und künstliche Kohlenstoffsenken, wieder gebunden werden. Die Technologie dafür steckt heute allerdings noch in den Kinderschuhen

Netto-Null-Emissionen sind aber nicht nur erforderlich, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Auch jede andere Begrenzung des Temperaturanstiegs (z.B. auf 2°C oder sogar 2,5°C) erfordert letztlich das Erreichen von Netto-Null-Emissionen, nur eben zu einem späteren Zeitpunkt. 

Als zweiten Schritt nimmt das Konzept des „Net Negative“, also negative Treibhausgasemissionen, die Zeit nach dem Erreichen der Netto-Null-Emissionen in den Blick. Das Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG) sagt beispielsweise, „Nach dem Jahr 2050 sollen negative Treibhausgasemissionen erreicht werden.“ (KSG §3 Absatz 2) 

Während „Netto-Null“ einen Zustand beschreibt, in dem verbleibende Emissionen durch dieselbe Menge an Treibhausgasen, die aus der Atmosphäre entnommen werden, ausgeglichen sind, beschreibt „netto-negativ“ einen Zustand, in dem die Entnahmen die Emissionen übersteigen. Viele Szenarien zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze erfordern, dass die Welt in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts netto-negativ wird. In diesen Szenarien führt letztlich das Versäumnis, die Emissionen schnell genug zu senken, dazu, dass die Erderwärmung die 1,5°C-Grenze zeitweise übersteigt. Um später im Jahrhundert wieder zu 1,5°C zurückkehren zu können, müssen also Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden.

Bis wann und auf welchem Pfad der Emissionsminderung wir nun zunächst Netto-Null-Emissionen erreichen müssen, wird durch sogenannte Emissionsbudgets definiert. (Auch „CO2-Budgets“ oder Kohlenstoffbudgets genannt.)[2] Diese Budgets geben an, wie viel CO2 wir noch ausstoßen dürfen, bevor wir eine bestimmte globale Erwärmung erreichen. 

Aufgrund der Langlebigkeit von CO2 in der Atmosphäre hängt der Temperaturanstieg sowohl von zukünftigen als auch von vergangenen Treibhausgasemissionen ab. Es geht also immer um den langfristigen Bestand an Treibhausgasen in der Atmosphäre, der durch menschliches Handeln signifikant erhöht wurde (und weiterhin wird).

Die folgende Graphik zeigt diesen Zusammenhang auf: Um beispielsweise die 1,5°C-Schwelle mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% nicht zu überschreiten, dürfen ab 2024 nur noch 275 Milliarden Tonnen CO2 (Gigatonnen, Gt) ausgestoßen werden.[3] Das wiederum entspricht den weltweiten Emissionen von rund sieben Jahren auf heutigem Niveau. (Was wiederum unterstellt, dass die Emissionen nach Jahr 7 auf Null sinken.) In gleicher Weise kann man auch Budgets für höhere Temperatur-Grenzwerte ableiten, wie aus der Graphik ersichtlich.

Verbleibendes CO2-Budget ab 2024
Verbleibendes CO2-Budget ab 2024

Wo können wir ansetzen?

Um die globale Erwärmung so weit wie möglich zu begrenzen, sind drei Aspekte zentral:

  1. Wir müssen die Emissionen in allen Sektoren drastisch reduzieren – jede Ausnahme führt zu hohen Zusatzkosten für die CO2-Entnahme und -speicherung.  
  2. Jede Region und jedes Land muss seinen Beitrag leisten –  nur so können alle gemeinsam erfolgreich sein.
  3. Der Faktor Zeit ist kritisch – schnelles Handeln ist entscheidend.

Welche Sektoren sind wichtig?

Über alle in der folgenden Graphik dargestellten Sektoren hinweg machen die Emissionen aus Energieerzeugung und -verbrauch auf Basis der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas rund drei Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen aus. Die Abkehr von fossilen Energieträgern und der Umstieg auf erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie sowie die damit verbundene Elektrifizierung großer Teile des Verkehrs, der Industrie und der Wärmeerzeugung haben daher höchste Priorität als Handlungsfeld.

Emissionen 2020 nach Sektor und Region

Darüber hinaus sind jedoch viele weitere Handlungsfelder relevant, die häufig weit weniger im Fokus der öffentlichen Berichterstattung stehen. Dies sind zum Beispiel: 

  • Scheinbare Nischen wie der Flugverkehr, der einerseits durch den Effekt der Kondensstreifen überproportional klimaschädlich, andererseits jedoch besonders schwierig zu dekarbonisieren ist.
  • Sektoren mit einem sehr hohen weltweiten Emissionsanteil (wie etwa die Zementindustrie) und einer traditionell sehr geringen Innovationsquote. Hier fällt sowohl die Umstellung der rechtlichen Grundlagen und Normen als auch die Entwicklung innovativer, klimafreundlicher Ansätze besonders schwer. 
  • Nicht-CO2-Emissionen, insbesondere z.B. Methan aus der Massentierhaltung, der Öl- & Gas-Industrie, und der Abfallwirtschaft.
  • Hohe CO2- und N20-Emissionen aus der Landwirtschaft.
  • Die Entnahme und Speicherung von CO2 (Carbon Dioxide Removal, CDR), um nicht vermeidbare Restemissionen auszugleichen.

Welche Rollen spielen einzelne Regionen und Länder?

Ergänzt man den Blick auf Sektoren bzw. Handlungsfelder durch eine geographische Perspektive, so werden zwei Dinge deutlich: Die Relevanz einzelner Sektoren und Themen unterscheidet sich je nach Region oder Land oft erheblich. Und kein Land bzw. keine Region kann die Klimakrise alleine lösen, alle müssen ihren Beitrag leisten. In der Logik des Netto-Null-Ziels gibt es kaum Spielraum, die mangelnde Tätigkeit einzelner durch andere zu kompensieren.

China ist mit einem Anteil von ~26% an den weltweiten Emissionen das Land mit den derzeit höchsten Treibhausgasemissionen, gefolgt von den USA mit einem Anteil von 11%. Die EU hat einen Anteil von 6% an den globalen Emissionen. Betrachtet man die kumulierten historischen CO2-Emissionen seit 1850, die ja für den bis heute bereits verursachten Klimawandel verantwortlich sind, so steigt der Anteil der westlichen Industrieländer. Der Anteil der USA liegt dann bei ~22%, der der EU bei 12%. Deutschland hat einen Anteil von knapp 4%. (Der Anteil Chinas halbiert sich dagegen auf 13%.)

Nur sieben Länder weltweit haben heute einen Anteil von mehr als 2% an den globalen Treibhausgasemissionen – ihre Summe beträgt aber immerhin 59%. Betrachtet man die historischen CO2-Emissionen, so steigt die Zahl auf 10 Länder (inklusive Deutschland) mit einem Gesamtanteil von 68%. Das unterstreicht zunächst die Verantwortung der historischen Emittenten, also insbesondere der westlichen Industrieländer. 

Andererseits wird die Welt den Klimawandel aber auch nicht in den Griff bekommen, wenn Länder mit angeblich „vernachlässigbaren“ Emissionen nichts unternehmen. Dies wird deutlich, wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen, die für die verbleibenden CO2-Budgets entscheidend ist. Während in Regionen wie der EU die Treibhausgasemissionen bereits sinken, steigen sie in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern weiter an. Der kombinierte Anteil der USA und Europas an den bis zum Ende des Jahrhunderts prognostizierten Emissionen liegt unter 20% (s. Graphik). Berücksichtigt man zusätzlich bereits beschlossene Regelungen und Gesetze zur Emissionsminderung, liegt der Anteil der USA und Europa an den beeinflussbaren Emissionen sogar nur bei 10%.

Die Vermeidung eines sogenannten „carbon lock-in“ von Emissionen – also die Festschreibung hoher zukünftiger Emissionen durch den Aufbau neuer fossiler Infrastruktur in Schwellen- und Entwicklungsländern – spielt daher eine ganz entscheidende Rolle, um global Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Emissionen im 21. Jahrhundert nach Region
Emissionen im 21. Jahrhundert nach Region

Welche Rolle spielt der Faktor Zeit?

Wie eingangs beschrieben, müssen wir Netto-Null-Emissionen erreichen, um den Klimawandel zu stoppen. Je schneller wir dieses Ziel erreichen, desto stärker können wir die Erderwärmung begrenzen. Die Zeit bis 2030 wird daher oft als das entscheidende Jahrzehnt für den Klimaschutz bezeichnet. Warum das so ist, verdeutlicht eine Grafik aus der „Drawdown Roadmap“: Der weitaus größte Teil der notwendigen Treibhausgas-Einsparungen auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen muss bis 2030 erfolgen. Das liegt zum einen daran, dass die Halbierung unserer heutigen hohen CO2-Emissionen die größten Einsparungen erfordert. (Für eine weitere Halbierung zwischen 2030 und 2040 muss dann „nur“ noch ein Viertel der heutigen Emissionen zusätzlich eingespart werden). Zum anderen, weil Einsparungen ab heute Jahr für Jahr mehr CO2 einsparen können als Einsparungen, die erst in einigen Jahren umgesetzt werden.

Wir brauchen also nicht nur tiefgreifende Einsparungen in allen Sektoren und Ländern, sondern ein großer Teil dieser Einsparungen muss auch kurzfristig erfolgen, um den Temperaturanstieg so weit wie möglich zu begrenzen. 

Durch die Fokussierung auf dieses Jahrzehnt und das Jahr 2030 gerät jedoch häufig aus dem Blick, dass wir auch nach 2030 unsere Anstrengungen fortsetzen müssen. Die notwendigen CO2-Einsparungen könnten dann tendenziell sogar schwieriger werden, weil die (vermeintlich) einfachen Hebel und Maßnahmen bereits umgesetzt sind. Neben der kurzfristigen und umfassenden Umsetzung der bereits verfügbaren Minderungsmaßnahmen müssen wir uns daher bereits heute Gedanken über weitere Einsparungen nach 2030 machen. Insbesondere müssen wir in Forschung, Entwicklung und Pilotierung in den Bereichen investieren, für die es heute noch keine ausreichenden und kosteneffizienten Lösungen zur Emissionsminderung und -vermeidung gibt.

Tun wir nicht schon genug?

Klimakrise und Klimaschutz sind mittlerweile fast täglich in den Schlagzeilen. Die weltweiten klimabezogenen Investitionen haben inzwischen ein jährliches Volumen von über 1,3 Billionen US-Dollar erreicht, was viel klingt und etwa 1% des globalen BIP entspricht. Im Jahr 2022 stand demgegenüber aber finanzielle Unterstützung für fossile Energieträger in derselben Höhe allein aus den G20-Ländern, vor allem in Form von Subventionen für den Verbrauch fossiler Brennstoffe. 

Um nur die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, müssten die weltweiten Investitionen nach Expertenschätzungen um das Fünffache steigen. Nach einer neuen Studie des PIK in Nature verblassen jedoch selbst all diese Summen im Vergleich zu den Folgekosten des Klimawandels. Demnach verursachen allein die bisher ausgestoßenen Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts einen Einkommensrückgang der Weltwirtschaft um 19 Prozent im Vergleich zu einer Welt ohne Klimawandel – das entspricht einem weltweiten jährlichen Schaden von 38 Billionen US-Dollar.[4]

Es ist also offensichtlich, dass sowohl der Staat als auch der Markt bisher versagt haben. Und so bleibt trotz einiger großer und wichtiger Fortschritte in den letzten Jahren in sehr kurzer Zeit außerordentlich viel zu tun, um der Klimakrise noch wirksam begegnen zu können.

Weiter zum nächsten Artikel oder zurück zum ersten Artikel der Serie.

Über den Autor

Avatar von Sebastian Schienle

Gründer & Leitung Research

Fußnoten

[1] ↑ Die Erderwärmung wird sowohl durch CO2 als auch durch weitere Treibhausgase wie z.B. Methan verursacht. Die Auswirkungen der verschiedenen Treibhausgase auf das Klima werden durch zwei wesentliche Merkmale bestimmt: die Dauer ihres Verbleibs in der Atmosphäre und ihre Fähigkeit, Energie zu absorbieren. Die weiteren Treibhausgase neben CO2 absorbieren viel mehr Energie, sind aber weniger langlebig. (Methan verbleibt z.B. etwa 12 Jahre in der Atmosphäre im Vergleich zu Jahrhunderten bei CO2.) Die gebräuchlichste Methode, um diese Faktoren zu kombinieren und die Klimawirkung zu messen, ist das „globale Erwärmungspotential“ (englisch: Global Warming Potential, GWP). Der Weltklimarat IPCC gibt die Klimawirkung von Methan aus fossilen Quellen bezogen auf einen Zeitraum von 20 Jahren (GWP20) im aktuellen Sachstandsbericht AR6 mit 82,5 an, bezogen auf 100 Jahre (GWP100) mit 29,8. Das verdeutlicht, dass Methan im Gegensatz zu CO2 vor allem kurzfristig zur Erderwärmung beiträgt. Aufgrund der besonderen Relevanz und Langlebigkeit von CO2 und für eine bessere Lesbarkeit dieses Beitrags konzentrieren wir uns hier vor allem auf CO2.

[2] ↑ Siehe Fußnote 1. Aufgrund der besonderen Relevanz und Langlebigkeit von CO2 und für eine bessere Lesbarkeit dieses Beitrags konzentrieren wir uns auf CO2-Budgets. Wegen verbleibender Nicht-CO2-Emissionen werden wir immer zuerst Netto-Null-CO2-Emissionen erreichen, bevor wir Netto-Null-Treibhausgasemissionen erreichen.

[3] ↑ An der Verwendung der 50% Wahrscheinlichkeit in solchen Budgets gibt es teils deutliche Kritik, denn man würde ja in den meisten Lebenssituationen, zumindest wenn sie Leib und Leben oder große wirtschaftliche Effekte betreffen, eher Werte von z.B. 67%, 75%, 95%, oder sogar noch mehr ansetzen. (Niemand würde ein Flugzeug besteigen, das auch nur mit 5% Restwahrscheinlichkeit abstürzt – das wären 5 Abstürze pro 100 Flüge.) Eine solche Erhöhung der Wahrscheinlichkeit verkleinert das verbleibende CO2-Budget entsprechend deutlich.

[4] ↑ In internationalen Dollar (2005) im Jahr 2049.

Weitere Blogposts

  • Bewegung bei deutschen Stiftungen?

    Stiftungen unter sich: Mit elegantem Schwung und in bestem Einvernehmen mit sich und der Welt geht es einen Trippelschritt nach vorne und zwei zurück

  • Spendenabsetzbarkeit Österreichhau
    Spendenabsetzbarkeit in Österreich

    Spenden über unsere Plattform sind in Österreich zurzeit leider nicht steuerlich absetzbar. Dennoch empfehlen wir: Spende im Zweifel lieber weniger, als weniger effektiv.

  • Spendentipps
    8 Tipps, damit deine Spende mehr bewirkt

    Folge diesen 8 Spendentipps und stelle sicher, dass deine Spende nicht nur ankommt, sondern richtig viel bewirkt.