Wie spendet man wirksam für Klimaschutz?

Ein kleines Kind in der Natur

Fast täglich erreichen uns Nachrichten über extreme Wetterereignisse, die durch den Klimawandel immer häufiger ausgelöst oder in ihrem Ausmaß deutlich verstärkt werden. Ein Negativrekord jagt den nächsten. 

Was ist nötig, um den Klimawandel und die Erderwärmung zu stoppen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die 1,5-Grad-Grenze? Welche Rolle spielen Spenden? Und wie effektiv können und sollen sie sein?

Das sind die Themen meiner aktuellen Blogbeiträge. Im ersten Teil versuche ich, die 1,5-Grad-Marke einzuordnen. Im zweiten Teil beleuchte ich, was nötig ist, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Und in diesem dritten Teil erläutere ich, wie Spenden einen möglichst wirksamen Beitrag dazu leisten können.

Wirksam Spenden für Klimaschutz

Gerade wenn Staat und Markt ihrer Aufgabe unzureichend gerecht werden, schlägt häufig die Stunde der Philanthropie, wie z.B. die Geschichte der Entwicklung des Sozialstaats oder auch der Medizin häufig gezeigt hat. Auch beim Klimaschutz spielen gemeinnützige Organisationen eine wichtige Rolle. Spenden sind daher ein wichtiger Hebel für den Klimaschutz. Sie können eine große Wirkung entfalten, die z.B. die Wirkung von CO2-Zertifikation zur Kompensation von Emissionen (sogenannte „Offsets“) oder die Wirkung von individuellen Verhaltensänderungen im Alltag um ein Vielfaches übersteigen. Dies gilt allerdings nur für die vielversprechendsten Maßnahmen und Organisationen und erfordert umfangreiche Recherchen, die unsere Partner und wir leisten. Aber was heißt das konkret?

Welche Rolle spielt Klima-Philanthropie überhaupt?

Das weltweite Spendenaufkommen für den Klimaschutz wird auf 8-13 Millarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Im Vergleich zu den mehr als 1 Billion US-Dollar an jährlichen klimabezogenen Investitionen klingt das einerseits erst einmal wenig und eine deutliche Steigerung wäre wünschenswert. Andererseits tragen Spenden auch auf dem heutigen Niveau bereits entscheidend dazu bei, dass Investitionen getätigt werden und dass sie in die wichtigsten Themenfelder fließen.

Zwei aktuelle Herausforderungen des Spendens für Klimaschutz sind besonders hervorzuheben:

  1. Der Klimaschutz spielt im Spendenmarkt nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Zwar ist das Spendenaufkommen für den Klimaschutz in den letzten Jahren gestiegen. Inzwischen stagniert es aber bei weniger als 2% des weltweiten Spendenaufkommens. Auch in Deutschland liegt der Anteil der Spenden für Umwelt-/Naturschutz nach aktuellen Umfragen nur bei rund 3%. Zum Vergleich: dem Bereich „Kirche/Religion“ kommen in Deutschland derselben Umfrage nach 20% der Spenden zugute.
  2. Die Spenden zur Bekämpfung des Klimawandels sind ungleich über die wichtigsten Themen verteilt und orientieren sich häufig nicht an den Hauptursachen und -reduktionsmöglichkeiten zukünftiger Emissionen. Die Themen, die am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, erhalten auch die meisten Mittel – dies gilt nach wie vor insbesondere für erneuerbare Energien, vor allem die Themen Wind- und Solarenergie. Regional zeigt sich ein ähnliches Ungleichgewicht. Die meisten Mittel konzentrieren sich weiterhin auf die USA und Europa; Afrika, Indien und Lateinamerika erhielten im Jahr 2022 zusammen nur 12% der gesamten Stiftungsgelder für den Klimaschutz. Ein Großteil der Spenden erreicht daher nicht so viel, wie er eigentlich könnte.

Neben der Erhöhung des Spendenaufkommens muss es daher insbesondere darum gehen, die Mittel noch besser auf die größten Hebel zur Bekämpfung der Klimakrise auszurichten, um einen möglichst großen Beitrag zum Klimaschutz zu erzielen.

Wo kann man ansetzen?

Die Notwendigkeit, Emissionen in allen Sektoren weltweit zu reduzieren, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen, macht die Aufgabe sehr komplex und bietet viele unterschiedliche Ansatzpunkte. Diese Komplexität bedeutet aber nicht, dass jede Maßnahme den gleichen Beitrag leistet und es egal ist, bei welchem Handlungsfeld man ansetzt – ganz im Gegenteil. Auch beim Klimaschutz gibt es erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Relevanz von Handlungsfeldern und hinsichtlich der Wirksamkeit und Kosteneffizienz von Maßnahmen bzw. Organisationen. 

Wie identifizieren wir besonders vielversprechende Handlungsfelder ?

Entsprechend unserer generellen Methodik durchsuchen unsere Research-Partner und wir auch beim Klimaschutz systematisch Sektoren und Länder nach Handlungsfeldern, die besonders groß sind (also relativ zu anderen Feldern viele Emissionen verursachen), gleichzeitig aber wenig Beachtung finden (also eher vernachlässigt werden) und für die es vielversprechende Ansätze zur Emissionsminderung gibt.

Inhaltlich treffen diese Kriterien aktuell z.B. (noch) auf einige Hochtemperaturprozesse in der Industrie, auf den Flug- und Schiffsverkehr, die Zementindustrie, auf den Aufbau der Energieerzeugung in Schwellenländern, oder auch auf Alternativen zu tierischen Produkten in der Landwirtschaft zu. 

Geographisch ist es – wie schon erwähnt – wichtig, dass wir uns stets auf die globalen Treibhausgasemissionen beziehen, unter Berücksichtigung zukünftiger Entwicklungen und Emissionstreiber über alle Länder hinweg. Es geht also nicht um einen möglichst effektiven Klimaschutz in Deutschland oder Europa, sondern um die größtmögliche Einsparung von Treibhausgasen weltweit – denn dies ist der größtmögliche Beitrag zum Klimaschutz, den eine Spende leisten kann. Aus dieser Perspektive rücken neben den derzeit größten Verursachern von Treibhausgasen China und USA z.B. auch Schwellenländer wie Indien in den Fokus.

Wie identifizieren wir Maßnahmen mit großem Wirkungshebel? 

Die Landschaft der denkbaren und notwendigen Handlungsfelder und Maßnahmen ist inzwischen vielfach systematisiert und teilweise auch priorisiert worden, z.B. durch das Systems Change Lab oder Project Drawdown. Viele der Maßnahmen sind auch schnell umsetzbar (z.B. Solar- und Windenergie). In anderen Bereichen bedarf es zunächst weiterer Forschung und Pilotierung (z.B. Geothermie, oder Carbon Removal).

Neben der Konzentration auf Sektoren und Länder, in denen sich Emissionen relativ stark vermindern lassen, suchen wir bei Effektiv Spenden zudem nach besonders vielversprechenden „Wirkungshebeln“. Dies sind Maßnahmentypen, die eine überdurchschnittliche Breitenwirkung entfalten und damit die Kosteneffektivität deiner Spende erhöhen. Zwei davon möchte ich etwas ausführlicher beschreiben. 

Wirkungshebel 1: Politische Rahmenbedingungen verändern

Ein solcher besonders vielversprechender  Wirkungshebel ist „Advocacy“, also „Lobbyarbeit für die gute Sache“, die bei den politischen Rahmenbedingungen ansetzt.
Dafür gibt es zwei Gründe: 

Zum einen ist ein großer Teil unseres „ökologischen Fußabdrucks“ – also die heutige Art und Weise, wie wir leben, arbeiten, uns fortbewegen und uns ernähren – über Jahrzehnte durch die politischen Rahmenbedingungen für unsere Gesellschaft und Wirtschaft geprägt worden. Vieles ist aus Sicht des Einzelnen geradezu „zementiert“ – ohne ÖPNV und Radwege ist der Verzicht auf das Auto mühsam, ohne Ladesäulen funktioniert der Umstieg auf Elektromobilität kaum, ohne attraktive fleischlose Alternativen ist die Verringerung des Fleischkonsums für viele schwer umsetzbar. Viele Strukturen unserer Gesellschaft und Wirtschaft können also nur durch systemische Veränderungen zukunftsfähig gemacht werden; individuelle Verhaltensänderungen sind wichtig, aber in ihrer Wirkung typischerweise (sehr) beschränkt.

Zum anderen machen Spenden nur einen Bruchteil der Investitionen für den Klimaschutz aus. Wir sollten also mit Spenden darauf hinwirken, dass die enormen öffentlichen und privaten Mittel möglichst zielgerichtet eingesetzt werden. Zwei Beispiele: 

  1. Für ~100 Euro kannst du ein EU-Emissionsrecht kaufen und verknappst damit den Markt um 1 Tonne CO2, die die europäische Industrie einsparen muss. Wenn du aber mit diesen 100 Euro stattdessen eine Organisation unterstützt, die sich dank deiner und weiterer Spenden erfolgreich dafür einsetzt, dass die EU-weite Menge an Zertifikaten weiter reduziert wird (wie z.B. 2022 vereinbart), dann wird der Markt um Millionen Tonnen CO2 verknappt.
  2. Für 1.300 Euro kannst du bei Climeworks 1 Tonne CO2 aus der Luft abscheiden und dauerhaft speichern lassen. Damit leistest du einen kleinen Beitrag zur Erprobung der neuen Direct Air Capture-Technologie (DAC). Wenn du stattdessen jedoch mit den 1.300 Euro eine spendenfinanzierte Organisation unterstützt, die sich erfolgreich dafür einsetzt, dass DAC auch aus staatlichen Mitteln gefördert wird, stehen im Erfolgsfall Milliarden zusätzlicher Mittel zur Verfügung. 

Solche Strategien sind mit Unwägbarkeiten und Unsicherheit verknüpft und führen daher nicht immer zum Erfolg. Das müssen sie aber auch gar nicht: Die Wirkungshebel sind so groß, dass es ausreicht, wenn Organisationen einigermaßen regelmäßig große Erfolge erzielen können. Die Wirkung einzelner Erfolge ist dann oft so hoch, dass unvermeidbare Fehlschläge „mit bezahlt“ werden können und dennoch in Summe eine vielfach höhere Kosteneffektivität der eingesetzten Spende erreicht wird.

Wirkungshebel 2: Ansätze zur Beeinflussung globaler Emissionen

Ein weiterer Wirkungshebel ist die Fokussierung auf Maßnahmen, die auch außerhalb des Landes oder der Region, in der sie umgesetzt werden, emissionsmindernde oder -vermeidende Effekte haben. In diesen Fällen können Interventionen in Ländern, die nur einen relativ geringen Anteil an den (zukünftigen) globalen Treibhausgasemissionen haben, trotzdem zu großen Einsparungen führen. .  

Ein Beispiel hierfür sind Investitionen in die Forschung und Entwicklung (F&E) neuer Klimaschutztechnologien in den USA und Europa. Während der Anteil dieser Regionen an den weltweiten Treibhausgasemissionen rückläufig ist, bleibt deren Innovationskapazität weltweit führend, also ihre Fähigkeit, die Entwicklung neuer, sauberer Technologien voranzutreiben, und zwar sowohl in der Frühphase der F&E als auch in der späteren Phase der Einführung. Investitionen in F&E in den USA und Europa zahlen sich daher weltweit aus, indem sie neue Technologien verfügbar machen und deren Kosten weltweit senken.

Innovationskapazität unterschiedlicher Länder und Regionen
Innovationskapazität unterschiedlicher Länder und Regionen

Ein gutes Beispiel sind die deutschen Subventionen für die Solarindustrie um die Jahrtausendwende. Aus rein nationaler Sicht war das eine sehr teure Maßnahme mit nur begrenzten unmittelbaren CO2-Einsparungen. Global betrachtet haben die Subventionen aber einen großen Anteil daran, dass die Preise für Solarzellen allein zwischen 2010 und 2020 um 90 Prozent gesunken sind und die Stromerzeugung aus Solarenergie weltweit rasant zugenommen hat. Experten sprechen daher heute noch vom „deutschen Geschenk an die Welt“.

Dieser Effekt gilt jedoch nicht nur für technologische Entwicklungen. Weitere Beispiele sind der Brüssel-Effekt“, der den Einfluss europäischer Gesetzgebung auf transnationale Märkte außerhalb des europäischen Binnenmarktes beschreibt, die Spillover-Effekte, die die Übernahme von Regulierungen als Best Practice in anderen Regionen auslösen kann, oder die Vorbildfunktion der EU und der USA in den internationalen Klimaverhandlungen. So können Maßnahmen und Investitionen, die gezielt in einzelnen Ländern umgesetzt werden, indirekte Effekte haben, die weit darüber hinaus wirken.  

Fazit

Das oben beschriebene mehrstufige Vorgehen hat es uns bzw. unseren Research-Partnern immer wieder ermöglicht, Organisationen zu identifizieren, die mit jedem einzelnen gespendeten Euro 1 Tonne CO2 oder mehr an Emissionseinsparungen erzielten – einerseits indem sie sich auf besonders vielversprechende Handlungsfelder und Maßnahmen konzentriert haben, andererseits dank ihrer besonders hohen Effizienz in der Umsetzung. Die folgenden Zahlen machen deutlich, wie groß die Wirkung einer solchen Spende im Vergleich ist:

  • Typische Kosten für (vertrauenswürdige) Kompensationsmaßnahmen, oder Carbon Offsets, im Privatbereich liegen derzeit bei myclimate oder Atmosfair bei 23-25 Euro pro Tonne CO2.
  • Der CO2-Preis für Benzin, Heizöl und Gas in Deutschland – also der Preis, der einerseits die Folgen der Emissionen bepreisen soll und andererseits Anreize schaffen soll, auf klimaneutrale Alternativen umzusteigen, beträgt aktuell 45 Euro pro Tonne CO2. 
  • Der Europäische Emissionshandel wies in 2023 einen durchschnittlichen Preis von knapp 84 Euro pro Tonne CO2-Verschmutzungsrecht aus. Das ist der Preis, den die Industrie bereit ist zu zahlen, da er – zumindest derzeit noch – unter ihren möglichen Vermeidungskosten liegt.
  • Die Klimakosten von Treibhausgas-Emissionen, also die Kosten des “Nichtstuns”, lagen bereits in 2022 laut Umweltbundesamt bei über 200 Euro.

Selbst bei sehr konservativer Betrachtung erreicht eine besonders wirkungsvolle Spende mit einer geschätzten Vermeidungs-Wirkung von etwa 1 Tonne CO2 je EUR also einen Wirkungshebel von mindestens 15-30x[1] gegenüber den typischen marktgängigen Alternativen.

Jetzt spenden. Oder zurück zum ersten Artikel oder zweiten Artikel der Serie.

Über den Autor

Avatar von Sebastian Schienle

Gründer & Leitung Research

Fußnoten

[1] ↑ Basierend auf einem Erwartungswert von 1 Tonne CO2e pro gespendetem 1 Euro, einem Kompensationspreis von 23 Euro pro Tonne CO2e als niedrigstem Vergleichswert und einem Auf-/Abschlag von ~33%.

Weitere Blogposts

  • Bewegung bei deutschen Stiftungen?

    Stiftungen unter sich: Mit elegantem Schwung und in bestem Einvernehmen mit sich und der Welt geht es einen Trippelschritt nach vorne und zwei zurück

  • Spendenabsetzbarkeit Österreichhau
    Spendenabsetzbarkeit in Österreich

    Spenden über unsere Plattform sind in Österreich zurzeit leider nicht steuerlich absetzbar. Dennoch empfehlen wir: Spende im Zweifel lieber weniger, als weniger effektiv.

  • Spendentipps
    8 Tipps, damit deine Spende mehr bewirkt

    Folge diesen 8 Spendentipps und stelle sicher, dass deine Spende nicht nur ankommt, sondern richtig viel bewirkt.