Spenden-Tipps in den Medien: Ein Trauerspiel

Die Weihnachtszeit ist auch Spendenzeit. Eigentlich und gerade für mich ein Grund zur Freude. Auf der anderen Seite ist es auch die Zeit, in der man in praktisch sämtlichen Newsportalen, Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern und natürlich auf Social Media mit Tipps konfrontiert wird, worauf man beim Spenden achten sollte. Prinzipiell alles andere als ein Problem, allerdings treibt mich die Qualität eines Großteils dieser Berichterstattung Jahr für Jahr an die Grenze des Wahnsinns.

Mein negatives “Highlight” im vergangenen Jahr kam diesbezüglich von der Stiftung Warentest. So wird in dem hier abrufbaren Beitrag zum Thema Spenden wiederholt auf das vom Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) vergebene Spendensiegel verwiesen und suggeriert, dass es sich um eine besonders aussagekräftige Auszeichnung handeln würde. Das ist nicht der Fall, denn das DZI klopft lediglich ein paar mehr oder minder sinnvolle Mindeststandards ab, wie z.B. den Verzicht auf “[u]nangemessen emotionalisierende“ Werbung. Relevante Aussagen zur Effektivität der Organisationen gibt es hingegen genauso wenig wie einen Vergleich oder ein Ranking der Hilfsorganisationen. Daher ist es leider nur konsequent, dass auch bei der Stiftung Warentest fehlt, was eigentlich den Kern eines jeden Tests ausmacht, der Testsieger. Alles, was aus Sicht von test.de nicht offensichtlich verschwenderisch arbeitet, schafft es in die Liste der “Organisationen, die wirtschaftlich arbeiten”. Eine weitere Differenzierung findet nicht statt, und das obwohl es in der wissenschaftlichen Literatur längst Konsens ist, dass sich die Effektivität von Spendenorganisationen massiv unterscheidet, teilweise um mehr als das 100-fache. Basis für die Einstufung als wirtschaftlich arbeitende Organisation sind dann ausgerechnet auch noch die Ausgaben für Verwaltung und Werbung der untersuchten NGOs. Dass Verwaltungskosten kein sinnvoller Maßstab zur Bewertung von Hilfsorganisationen sind, sollte allein daran klar werden, dass Stiftung Warentest diesen Maßstab in keiner anderen Produktkategorie anwendet. Hast Du Dich jemals gefragt, wie hoch beispielsweise die Verwaltungskosten von Apple oder Deiner Lieblingspizzeria sind, um auf Basis dieser Kennzahl eine Entscheidung zu treffen, welches Handy Du kaufst, oder für welchen Anbieter von Nudelgerichten Du Dich entscheidest? Vermutlich nicht und das zu Recht. Auch bei gemeinnützigen Organisationen hilft einem diese, ohnehin nicht wirklich einheitlich zu berechnende Zahl, keineswegs weiter, wenn es darum geht, das Preis-Leistungs-Verhältnis zu bewerten, also wie viel Hilfe mit jedem Euro geleistet wird, aber nur darum geht es.

In diesem Jahr hatte ich auf eine differenziertere Berichterstattung gehofft, nicht zuletzt, weil unser evidenzbasierter Blick auf gemeinnützige Arbeit inzwischen einigen Zuspruch erfuhr und wir beispielsweise im Spiegel, oder auch im Newsletter von Finanztip erwähnt wurden. 

Dass dies oder auch die Spenden-Tipps auf unserer Webseite noch keine nachhaltige Wirkung auf das Niveau des Diskurses haben, wurde mir leider erst kürzlich wieder eindringlich vor Augen geführt. Den Anfang machte eine dpa Meldung die, obwohl an Banalität kaum zu überbieten, eins zu eins von Handelsblatt, Süddeutsche, FAZ und vielen weiteren Qualitätsmedien übernommen wurde. Überschrift: “Nicht zum Spenden drängen lassen” Streng genommen nicht falsch, aber gibt es nicht viel relevantere Aussagen zu der Frage, wie man mit seiner Spende am meisten Menschen helfen kann?

Anders, aber auch nicht wirklich besser, wird es in diesem Artikel der Zeit gemacht. Als Tipp, wie man sich mit seiner Spende möglichst sinnvoll für den Klimaschutz einsetzen kann, ist allen Ernstes folgender Satz zu lesen: “Eine seriöse Organisation gibt eine Straßenanschrift an und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme.“ Na, vielen Dank, hätte ich gewusst, dass es so einfach ist, hätte ich mir die letzten Jahre meiner Arbeit schenken können. Statt mit Partnern wie GiveWell zusammenzuarbeiten, die sich über Jahre durch Tausende Studien gekämpft haben und deren Evaluationen von Hilfsorganisationen sich lesen wie kleine Doktorarbeiten, hätte ich einfach prüfen können, welche Initiativen denn über eine gültige Anschrift verfügen. Ist die Postleitzahl fünfstellig? Check! Klingen Stadt- und Straßennamen plausibel? Check! Ist sogar ein Kontaktformular oder eine E-Mail zu finden? Check, check, check! Mehr kann man nun wirklich nicht verlangen…

Man könnte fast lachen, wenn es nicht bei vielen der Hilfsorganisationen nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich um Leben und Tod geht. Tut es aber. Es geht um Leben und Tod: von Menschen, von Tieren, und von unserem Planeten. Schlechte Organisationen schaden. Mittelmäßige Organisationen verdaddeln die Spenden und kriegen mal was hin, mal nicht. Nur eine kleine Gruppe exzellenter Organisationen bewegt wirklich Großes.

Die Unterschiede sind gewaltig. Je nachdem, wohin man spendet, lässt sich die Wirkung verzehn- oder verhundertfachen. Es ist Zeit, dass diese wissenschaftlich nachgewiesene Erkenntnis endlich dort ankommt, wo sie hingehört. Bei den Millionen von Menschen, die eben nicht nur von Spenden-Drückerkolonnen in der Einkaufszone hinters Licht geführt werden, sondern von oberflächlichem Journalismus im Dunkeln gelassen werden. 

Daher lautet unser Vorsatz für das kommende Jahr, dass wir noch mit viel mehr Menschen, insbesondere auch Journalistinnen und anderen Multiplikatoren ins Gespräch kommen wollen, um gemeinsam aufzuzeigen, wie viel Gutes man als Spenderin oder Spender erreichen kann, wenn man sich nur die Mühe macht, ein bisschen genauer hinzuschauen.


Du fühlst Dich angesprochen? Dann schreib uns gerne eine E-Mail oder ruf uns an.

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