Die Schweizer Glückskette – Lob und Kritik

Wirkung Impact

Die Schweizer Glückskette ist eine Erfolgsgeschichte, insbesondere wenn man das eingeworbene und weitergeleitete Spendenvolumen zugrunde legt. Aber wie sieht es mit dem Anspruch der Glückskette aus, eine hohe Wirkung der eingesetzten Mittel sicherzustellen?

Allein im Jahr 2023 hat die Glückskette in der Schweiz über 54 Millionen Franken für Menschen in Not gesammelt. Im gleichen Jahr wurden 344 Projekte in 40 Ländern mit einem Volumen von fast 70 Millionen Franken unterstützt. Den Schwerpunkt der Hilfe bildeten Projekte in der Ukraine, in der Türkei und in Syrien, in Ostafrika und in der Schweiz. Mit über 30 Millionen Franken stellte die Erdbebenhilfe in Syrien und in der Türkei mit Abstand den größten Anteil dar.

Das sind große Beträge, die verantwortungsvoll eingesetzt werden wollen. Das sehen auch die Verantwortlichen für die Glückskette so und und schreiben auf der Eingangsseite ihrer Website an prominenter Stelle: „Wir überwachen die Qualität der Projekte und kontrollieren, dass Ihre Spende möglichst wirkungsvoll zugunsten der Menschen in Not eingesetzt wird.“

Wie die Qualitätssicherung im einzelnen umgesetzt wird, darüber kann sicherlich der Jahresbericht Auskunft geben. Da zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels, der Jahresbericht 2023 noch nicht vorliegt, behelfen wir uns mit dem Bericht aus dem Jahr 2022. Dort finden sich jedoch weder konkrete Hinweise auf Qualitätsüberwachung oder Wirkungskontrolle. Vielleicht hilft ein Blick in die Jahresrechnung. Dort könnten Ausgabepositionen aufgelistet sein, die Rückschlüsse etwa auf die Beauftragung von externen Qualitätsprüfern zulassen. Dies ist nicht der Fall. Schließen wir also unsere Suche mit der Durchsicht der Website ab. Dort stoßen wir auf die Seite „Wie kontrollieren wir.“ Hier erfahren wir, dass die mindestens 25 Partnerhilfswerke alle vier Jahre „nach strengen Kriterien“ überprüft werden. Welche Kriterien dies sind, erfahren wir nicht. Des weiteren wird auf Projektbesuche und Evaluationen verwiesen.

Evaluationen als Garant für Qualität

Die Evaluationen interessieren uns, denn jene werden nach Darstellung von Glückskette von unabhängigen externen Experten durchgeführt. In Summe werden hier drei Evaluationen vorgestellt. Die erste bezieht sich auf die Hilfe nach dem Tsunami im Jahr 2004. Eine weitere bewertet die Hilfe nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010. Und eine dritte fasst in insgesamt drei Sätzen zusammen, dass Menschen aus betroffenen Gebieten in Nepal ihre Eindrücke von Hilfsmaßnahmen an externe Experten rapportieren. Angesichts von vermutlich mehreren tausend Hilfsprojekten, die die Glückshilfe allein seit 2004 finanziert hat, erscheint die Summe von insgesamt drei öffentlich zugängliche Evaluationen (tatsächlich sind es nur zwei, denn zur Evaluation aus Nepal liegen keine weiteren Einzelheiten vor) überaus übersichtlich.

Vielleicht ist die Aufgabe aber in sich schon nicht zu bewältigen. Wie soll denn die Qualität von über 300 Projekten von über 25 Hilfsorganisationen in 40 Ländern überhaupt überprüft werden können. Zumal sich diese – entlang aktueller Katastrophen und Krisen – jedes Jahr aufs Neue verändern? Steht die Glückskette hier nicht von vornherein vor einer unlösbaren Aufgabe, insbesondere auch weil sie vornehmlich sehr große und damit überaus komplexe Organisationen unterstützt, im Jahr 2022 etwa die Caritas Schweiz mit über 13 Millionen Franken, das Schweizerische Rote Kreuz mit über 6,5 Millionen Franken oder das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz mit über 5 Millionen Franken. Warum die Förderung komplexer Hilfsorganisationen grundsätzliche Probleme aufwirft, haben wir hier ausführlicher beschrieben.

Ein weiteres strukturelles Wirkungsproblem könnte darin bestehen, dass sich die Glückskette neben Hilfen für Bedürftige in der Schweiz vornehmlich auf Hilfsleistungen bei akuten Katastrophen fokussiert. Beispiele sind der Ukrainekrieg, das jüngste Erdbeben in der Türkei und Syrien oder wie oben bereits erwähnt, der Tsunami in 2004 sowie das Erdbeben in Haiti im Jahr 2010. Gerade letzteres ist ein Beispiel, wie durch eine medienwirksame Katastrophe Hilfsmittel in Milliardenhöhe mobilisiert werden, die die Aufnahmefähigkeit eines kleinen Landes wie Haiti unter Umständen um ein Mehrfaches übersteigen oder – Beispiel Syrien – es häufig erst gar nicht in das Land schaffen, für das sie vorgesehen waren. Dagegen sind es aber gerade die „stillen Katastrophen“, die es nicht in die Hauptnachrichten schaffen, bei denen man mit gleichen Mitteln mehr Leben retten und mehr Leid lindern kann. Ausführlicher haben wir uns hier damit auseinandergesetzt.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem sogar noch eine Ebene tiefer, nämlich in einer diffusen und damit möglicherweise unzureichenden Auffassung von Wirkung. Wirkung ist eben nicht, wenn Mittel irgendwo „ankommen“ und Menschen vor Ort angeben, dass sie froh sind, dass dies der Fall ist. Wirkung ist, was sich tatsächlich verändert und in welchem Ausmaß. Forschungsergebnisse zeigen unzweideutig, dass sich Projekte nicht selten um den Faktor 10 oder gar 100 in ihrer Wirkung unterscheiden. Gerade wenn die Mittel begrenzt sind – und das sind sie eigentlich immer – ist es umso wichtiger genau zu verstehen, wo sie die größte Wirkung entfalten können. Insbesondere dann, wenn es, wie in vielen Projekten der Katastrophenhilfe, um Leben und Tod geht. Wir haben uns hier ausführlicher mit dem Wirkungsbegriff auseinandergesetzt.

Anspruch und Wirklichkeit

Was ist das Fazit dieser Überlegungen? Zum einen ändern sie sicherlich nichts daran, dass die Glückskette, die in den vergangenen mehr als 75 Jahren offensichtlich mehr als 2 Milliarden Schweizer Franken für den guten Zweck mobilisiert hat, eine Erfolgsgeschichte ist. Jahr für Jahr machen sie Schweizerinnen und Schweizern klar, dass viele Menschen auf ihre Hilfe angewiesen sind und motivieren sie, sich mit ihrer eigenen Spende zu beteiligen.

Aber wahr ist auch, dass eine vernünftige Erfolgs- und Wirksamkeitskontrolle von jährlich hunderten von Projekten, die von überaus komplexen Organisationen in einer Vielzahl von Ländern durchgeführt werden, einfach nicht möglich ist. Ich meine, die Verantwortlichen bei der Glückskette sollten sich diesem Befund stellen. Entweder indem sie die geförderten Projekte auf eine deutlich geringere Anzahl reduzieren, so dass tatsächlich rigorose Qualitätskontrollen möglich werden, die dann hoffentlich auch die Spreu vom Weizen trennen. Oder indem sie nicht weiter suggerieren, dass die von vielen Schweizerinnen und Schweizern geförderten Projekte tatsächlich von ihnen überwacht und auf Wirksamkeit hin geprüft werden.

(Quelle: Webseite Glückskette (www.glueckskette.ch), Jahresberichte und Blogbeiträge, sämtliche abgerufen am 18.04.2024)

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