Was ist Wirkung?

Schwarz-Weiß-Bild einer Dartscheibe mit 4 Dart-Pfeilen
Wirkung Impact

Alle sprechen über Wirkung oder „Impact“. Seit einigen Jahren sogar im gemeinnützigen, spendenfinanzierten sozialen Sektor in Deutschland. Einige sprechen so viel über Wirkung, dass ihre Zuhörer schon mit den Augen rollen, wenn das W-Wort fällt. Ein Grund für diese Reaktion ist möglicherweise Überforderung. Vor allem aber liegt das an dem noch immer unklaren und wenig konsequenten Umgang mit dem Begriff.

Was ist Wirkung? Zunächst ist Wirkung die zweite Hälfte der Kausalität. Ursache ist die erste Hälfte und beide sind untrennbar miteinander verbunden. Im sozialen Sektor bezeichnet man mit Wirkung die mittel- und langfristigen Veränderungen, die infolge einer bestimmten Leistung bei einer bestimmten Zielgruppe, in ihrem Lebensumfeld und schließlich in Teilbereichen der Gesellschaft auftreten. Zwischen einer sozialen Intervention und diesen Veränderungen wird demnach eine kausale Ursache-Wirkung-Beziehung angenommen.

Lange Zeit wurde in Deutschland kaum darauf geachtet, ob und wie soziale Programme tatsächlich wirken. Die Wirkungsannahme und insbesondere der vermutete gute Wille aller Beteiligten waren ausreichend. Zunehmend bricht sich allerdings die Erkenntnis Bahn, dass Interventionen nicht nur nicht so wirken könnten wie gedacht, stattdessen können sie auch gänzlich unwirksam sein, völlig an der Zielgruppe vorbeigehen oder sogar schädlich sein. Es sollte sich daher eigentlich von selbst verstehen, dass die Akteure im sozialen Sektor alles tun, um mit ihrer Arbeit möglichst viele Personen ihrer Zielgruppe möglichst gut zu erreichen, und dass dies bestmöglich nachgewiesen wird. Umso mehr, als diese Arbeit ja zum Großteil aus Steuergeldern finanziert wird. Die gegenwärtige Aufmerksamkeit für Wirkung, wie sie etwa in der Popularität des Kursbuch Wirkung von Phineo ablesbar ist, ist daher ein gutes Zeichen. Jedoch nur, wenn dabei mit den zugrundeliegenden Begriffen und Konzepten differenziert, konsequent und ehrlich umgegangen werden.

Eine Annahme ist nur eine Annahme

Was ist notwendig, um über die Wirkung eines Programms sprechen zu können? Zunächst sollte man wissen, was man mit einem Programm eigentlich erreichen will, also konkrete und detaillierte Projektziele haben. Und dann überprüfen, ob und wie durch das jeweilige Programm genau diese angestrebten Ziele erreicht werden.

Wie kann eine solche Überprüfung aussehen? Wie es scheint, beißen sich viele Stiftungen, Non-Profit Organisationen und Berater hieran unverändert die Zähne aus – insbesondere in Deutschland, andere Länder sind hier längst weiter. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung gibt den Weg vor. Solange ich nicht zeigen kann, dass eine Veränderung bei der Zielgruppe tatsächlich eindeutig infolge meiner sozialen Intervention geschehen ist, kann und darf ich nicht von nachgewiesener Wirkung sprechen. Der wissenschaftlich valide Nachweis einer kausalen Beziehung zwischen Intervention und Veränderungen ist jedoch nicht einfach zu erbringen. Wissenschaftliche Studien kosten Geld und binden personelle Ressourcen. Die neue Aufmerksamkeit für Wirkung stößt also auf nicht unerhebliche Barrieren. Wirkung ist eben nicht trivial. Das hilft zu erklären, warum immer noch erstaunlich wenige Organisationen ihre Wirkung tatsächlich nachweisen wollen.

Was also tun, um das zarte Flämmchen Wirkung nicht schon wieder zu verlieren, bevor ein echtes Feuer entstehen kann? Bemerkenswert klar und differenziert geht der Landespräventionsrat Niedersachsen (LPR) in seinem Projekt „Communities That Care – CTC“ mit dem Thema Wirksamkeit um. In dessen bereits vor über 10 Jahren veröffentlichten Empfehlungsliste Grüne Liste Prävention werden ausschließlich Präventionsprogramme aufgenommen, die eine Reihe klar definierter Anforderungen erfüllen. Grundlage hierfür ist das theoretische Modell von Jan Veerman und Tom van Yperen. In diesem Modell werden soziale Interventionen auf einem Entwicklungsweg verortet: Auf den meisten Entwicklungsstufen können lediglich Methoden mit deskriptiver, theoretischer oder indikativer Aussagekraft zur Analyse der Programme herangezogen werden. Jene Methoden können aber nur Vorstufen sein bis zum eigentlichen Beleg eines kausalen Wirkungszusammenhangs. Je niedriger die Entwicklungsstufe des Programms, desto freier können die Evaluationsmethoden gewählt werden. Für den Nachweis einer nachweislich kausalen Wirksamkeit kommen jedoch nur Methoden in Frage, die tatsächlich kausale Aussagen erlauben.

Entsprechend werden die in der Präventionsliste aufgenommenen Programme anhand einer Reihe von Kriterien – neben Konzept- und Umsetzungsqualität sind das Evaluationsniveau, Beweiskraft und Evaluationsergebnisse – in drei Kategorien eingeordnet:

  1. Effektivität theoretisch gut begründet
  2. Effektivität wahrscheinlich
  3. Effektivität nachgewiesen

Ein solch differenzierter Ansatz stünde der Wirkungsdebatte in Deutschland insgesamt gut an. Er sollte Maßstab sein für alle, die derzeit über Wirksamkeit sprechen. Denn genauso klar, wie Wirkung nur dort behauptet werden kann, wo sie kausal nachgewiesen ist, ist es klar, dass viele Organisationen kaum jemals in der Lage sein werden, eindeutige Wirkungsnachweise zu liefern, häufig weil sie schlichtweg zu klein sind. Ihnen fehlen sowohl die personellen als auch finanziellen Ressourcen, um eine externe Studie zu beauftragen und zu betreuen.

Ein wenig Aufrichtigkeit täte allen gut

In diesen Fällen sollten Förderer aufhören, Wirkungsbelege einzufordern, wo es keine geben kann. Organisationen sollten aufhören, von Wirkungsnachweisen zu berichten, obwohl schlichtweg keine vorhanden sind. Stattdessen sollten alle Beteiligten die Organisationen in ihrer Entwicklung unterstützen, damit diese baldmöglichst „ihre Annahmen über Wirkungszusammenhänge expliziter formulieren, damit sie (…) Tests [mit kausaler Beweiskraft] unterzogen werden können“ (Grüne Liste Prävention, Bewertungskriterien). Oder eben anerkennen, dass sie auf guten Glauben hin eine Organisation fördern, die strukturell einfach nicht in der Lage ist, ihre Wirkung nachzuweisen.

Wenn das Ziel ist, einen Wirksamkeitsnachweis im Rahmen eines wissenschaftlich anerkannten Untersuchungsdesigns zu erbringen, ist der Begriff „Wirkungsnachweis“ unverändert sinnvoll. Alles, was einer wissenschaftlichen Betrachtung jedoch nicht standhält, weil kein Kausalitätsnachweis vorliegt, sollte anders benannt werden. Hier hilft vielleicht der Begriff „Wirkungsorientierung“ weiter – als Beschreibung der Ausrichtung von Organisationen, die etwa bereits Ziele definiert haben, auf deren Grundlage man eine Wirkungsmessung anstellen könnte. Eine solche wirkungsfreundliche Haltung allein rechtfertigt aber nicht – ebenso wenig wie eine wirkungsfreundliche Organisations- und Prozessstruktur – die Aussage „Das Programm wirkt!“ Man würde schließlich auch nicht behaupten, dass jemand, der gerne irgendwann einmal Energie sparen möchte, tatsächlich schon jetzt einen Beitrag zum Klimaschutz leistete.

Doch selbst wenn eine Wirkungsmessung erfolgreich ist und ein Programm nachweisen kann, dass es tatsächlich die angestrebten positiven Effekte erzielt, bleibt noch eine weitere entscheidende Frage zu beantworten: Werden denn die Wirkungen auch zu vertretbaren Kosten erreicht? Mit anderen Worten: Ist das Programm nicht nur effektiv, sondern auch effizient? Denn die Frage, wie können wir möglichst viele Menschen möglichst gut erreichen, ist angesichts begrenzter Ressourcen immer auch die Frage danach, ob wir diese Wirkung mit so wenig Geld wie möglich erreichen.

Erst wenn beide Fragen beantwortet sind, die Frage nach der Wirkung und die Frage nach den Kosten je erzielter Wirkung, ist die Grundlage dafür geschaffen, dass öffentliche wie auch private Förderer Entscheidungen treffen können – auf Basis fundierter Evidenz statt auf Basis von freundlichen Halluzinationen. Dann wäre der Weg frei für eine Welt, in der nur die über Wirkung sprechen darf, die Wirkung nachweisen kann, und dafür dann die Förderung erhält, die ihre Arbeit verdient.

(Dieser Text wurde mit geringfügigen Abweichungen bereits 2017 auf dem Blog der nicht mehr existenten Benckiser Stiftung Zukunft veröffentlicht. Co-Autorin war Ute Volz. Wir haben uns entschieden, den Text nochmals bei Effektiv Spenden zu veröffentlichen, weil er heute bedauerlicherweise noch genauso aktuell ist wie damals)

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