„So pessimistisch wie noch nie“ lautet die Überschrift eines Artikels auf tagesschau.de über die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024.“
Diese Aussage hat mich erschreckt und dazu geführt, dass ich mich noch am selben Abend mit meinem 10-jährigen Sohn durch die Webseiten von Gapminder und Our World in Data gekämpft habe, um ihm zu zeigen, dass keinesfalls alles schlechter wird.
Keine Frage, die Menschheit steht vor gewaltigen Herausforderungen. Eine Tatsache, die sicherlich auch ich, vielleicht manchmal mit zu plakativen Beispielen, am Abendbrottisch habe fallen lassen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn es gibt durchaus viele, auf Fakten basierende, Gründe zur Hoffnung, von denen ich in diesem Artikel einige nennen möchte.
Erstmal will ich aber anerkennen, dass es gerade für junge Menschen nachvollziehbare Gründe gibt, pessimistisch zu sein. Sie erleben erstmals in ihrem Leben Inflation, Krieg in Europa und müssen mit ansehen, wie der Klimawandel von einer theoretischen Bedrohung zu einem realen Problem auch hier in Deutschland wird.
Dennoch halte ich es für falsch und gefährlich, deshalb „pessimistisch wie noch nie” in die Zukunft zu blicken oder gar von der letzten Generation zu sprechen. Gefährlich, weil sich eine so düstere Sicht auf die Zukunft negativ auf die eigene Lebensqualität auswirkt und vor allem die Gefahr birgt, zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Hoffnungslosigkeit kann Untätigkeit nach sich ziehen. Wozu die Mühe, wenn man eh nichts machen kann außer sich dem Schicksal zu ergeben?
Das wäre auch deshalb tragisch, weil ich die These, es stehe so schlimm um uns wie nie zuvor, schlicht für falsch oder zumindest für zu einseitig halte, denn in der Tat wird die Welt nicht schlechter, sondern sogar besser. Das mag für einige Menschen grenzwertig provokant klingen, daher sei klar gesagt, dass besser nicht gut bedeutet, oder, wie es Max Roser, der Gründer von Our World in Data, formuliert „Die Welt ist furchtbar. Die Welt ist viel besser. Die Welt kann viel besser werden.” Außerdem wird natürlich nicht alles und auch nicht kontinuierlich besser. Dennoch sollte man die Augen weder vor den Katastrophen verschließen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, noch vor den vielen dramatisch positiven Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte.
Die Menschheit
Max Roser verweist in seinem Artikel darauf, dass die Kindersterblichkeit seit Beginn der industriellen Revolution von etwa 50% auf „nur” noch 4,4% zurückgegangen ist. Das bedeutet zwar, dass weltweit jedes Jahr noch immer Millionen Kinder sterben, die nicht sterben müssten – in der EU ist die Kindersterblichkeit mit 0,47% noch einmal deutlich niedriger – aber eben auch, dass die Menschheit schon gigantische Fortschritte gemacht hat. Hand in Hand mit diesem Erfolg steigt auch die Lebenserwartung weltweit kontinuierlich an. Allein seit meiner Geburt hat sich diese von 60,2 auf 71,0 Jahre erhöht (in Deutschland sogar von 72,9 auf 80,6 Jahre → der kleine Rückgang in den letzten beiden Jahren ist auf Corona zurückzuführen).
Gerade international wird dieser Trend durch den massiven Rückgang der extremen Armut getrieben. Während 1980 noch 45,8% der Weltbevölkerung in extremer Armut lebten, waren es 2022 weniger als 9%. Im gleichen Zeitraum stieg die Alphabetisierungsrate international von 56% auf über 87%.
Auch die Rechte der Frauen haben sich sehr positiv entwickelt. Ein Beispiel ist der Anteil der Länder, in deren Parlamenten weniger als 10% Frauen sitzen. Waren es 1980 noch mehr als 73% (in über 13% der Parlamente waren damals überhaupt keine Frauen vertreten), so ist dieser Anteil zuletzt auf unter 10% gefallen und nur im Jemen gibt es noch ein rein männlich besetztes Parlament.
Das Klima
Ein zugegeben differenzierteres Bild ergibt sich, wenn man sich von einer rein auf die menschliche Entwicklung fokussierten Betrachtung, dem Natur- und insbesondere Klimaschutz zuwendet. Während man bezogen auf extreme Armut damit hadern kann, dass wir diese nicht noch deutlich schneller hinter uns lassen, stellt sich im Rahmen der Klimakrise die Frage, ob wir uns hier nicht generell und unaufhaltsam in die falsche Richtung bewegen.
Ein für mich besonders trauriger Fakt ist, dass der brasilianische Regenwald, für dessen Erhalt ich bereits in den 1980er Jahren gespendet habe (als Grundschüler allerdings eher im überschaubarem Ausmaß), weiterhin jedes Jahr an Fläche verliert.
Auch hier gibt es aber Positivbeispiele die aufzeigen, dass eine Trendumkehr möglich ist. So verfügen Länder wie Schottland, Frankreich, aber auch China heutzutage über eine Waldfläche, die mehr als 20% größer ist als noch 1990.
Was Naturkatastrophen angeht, so entspricht die gefühlte Wahrheit, dass diese deutlich häufiger geworden sind, leider der Realität, was nicht zuletzt am fortschreitenden Klimawandel liegt. Doch auch hier sollte man nicht mit Fatalismus reagieren, denn was auch zur Wahrheit gehört: In den letzten 20 Jahren sind weniger Menschen in Folge von Naturkatastrophen gestorben als in jedem vergleichbaren Zeitraum in den letzten 100 Jahren. Und das, obwohl sich die Weltbevölkerung seitdem vervierfacht hat.
Die für mich jedoch hoffnungsvollste Entwicklung in Sachen Klimawandel ist jedoch der massive Preisverfall von Solarpanelen und Energiespeichern. Trotz immer wiederkehrender Bedenken scheint sich dieser Trend sogar noch zu beschleunigen.


Das hat zu einem exponentiellen Anstieg der weltweit installierten Photovoltaikleistung geführt. Es werden also nicht nur Jahr für Jahr mehr Solaranlagen installiert als jemals zuvor, sondern auch das Wachstum nimmt absolut und relativ weiter zu ohne dass ein Ende absehbar ist (wohin das konsequent zuende gedacht führen kann hat der Gründer von Terraform Industries Casey Handmer hier ausführlich dargelegt).
Diese und weitere Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass es inzwischen einer ganzen Reihe von Ländern gelungen ist, steigenden Wohlstand mit sinkenden CO2-Emissionen zu kombinieren.
So ist beispielsweise das deutsche Bruttoinlandsprodukt zwischen 1990 und 2021 um über 50% gestiegen, während die CO2-Emissionen gleichzeitig um mehr als 30% gefallen sind (die Emissionen für in Deutschland konsumierte, aber beispielsweise in China hergestellte Produkte sind hier bereits berücksichtigt).
Insofern liegen einige Prognosen darüber, um wie viel Grad sich die Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts erwärmt haben wird, deutlich unter denen von vor 10 Jahren.
Allerdings sind die vorhergesagten 2,7 Grad weder sicher noch ein auch nur ansatzweise erstrebenswertes Ziel. Es sind also noch massive Anstrengungen notwendig, um deutlich schneller auf Netto-Null- und langfristig negative Emissionen zu kommen.
Die Tiere
Während es beim Klimaschutz zumindest auf den zweiten Blick Grund zur Hoffnung gibt, muss man beim Tierschutz noch genauer hinschauen, um hier nicht doch zu verzweifeln.
So steigt die Anzahl der geschlachteten und zuvor größtenteils in der Massentierhaltung lebenden Landtiere seit Jahrzehnten kontinuierlich an und lag zuletzt bei mehr als 80 Milliarden (!!!) pro Jahr.
Dazu kommen jedes Jahr hunderte Milliarden Fische, die zu einem wachsenden Teil unter ebenfalls qualvollen Bedingungen gezüchtet und i.d.R. durch Erstickung sterben oder ohne Betäubung geschlachtet werden, und das, obwohl es inzwischen wissenschaftlicher Konsens ist, dass auch Fische Schmerzen empfinden können.
Diese schrecklichen Zahlen lassen, für sich genommen durchaus beachtliche Erfolge wie den stark rückläufigen Anteil von Eiern aus Käfighaltung, verhältnismäßig trivial wirken. Eine Welt ohne menschengemachtes Tierleid scheint weiter entfernt denn je. Dass diese aber alternativlos ist, wird aber auch dadurch deutlich, dass etwa 16% der weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Tierhaltung zurückzuführen sind. Um die bereits erwähnten Netto-Null-Emissionen in absehbarer Zeit zu erreichen, werden wir nicht umhin kommen uns künftig weitgehend fleischfrei zu ernähren. Für den überragenden Teil der Menschen ist dies bei der jetzigen Qualität und den aktuellen Preisen von Fleischersatzprodukten aber leider nicht vorstellbar. Genau hier werden aber gerade mit bisher nie dagewesener Geschwindigkeit Fortschritte erzielt. So wurde im Jahr 2022 mehr als 12-mal so viel in alternative Proteinquellen investiert wie noch 2016. Nicht ohne Erfolg: 2024 haben pflanzenbasierte „Chicken Nuggets” in einem Blindtest erstmals besser abgeschnitten als ihre tierfleischbasierten Vorbilder.

Bei Hot Dogs, Speck und Burgern sieht es zwar noch anders aus, aber gerade bei letzterem ist der Unterschied für viele Menschen inzwischen überschaubar und auch für die kommenden Jahre ist davon auszugehen, dass das Innovationstempo bei pflanzenbasiertem oder kultiviertem Fleisch deutlich über dem herkömmlicher Tierprodukte liegt. Wohin das führen kann, zeigt die renommierte Unternehmensberatung Boston Consulting Group hier am Beispiel der Elektromobilität auf. Durch politisch gesetzte Anreize haben private Investitionen dafür gesorgt, dass der Marktanteil von Elektroautos seit 2012 von 0,2% auf zuletzt 18% weltweit gestiegen ist und in China sind Elektrofahrzeuge inzwischen sogar günstiger als Verbrenner. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass eine solche Entwicklung bei alternativen Proteinen nicht auch möglich ist.
Demokratie & Existenzielle Risiken
Wenn man nicht bewusst sämtliche Nachrichten meidet, ist es aktuell schwer sich keine Sorgen um die Zukunft der Demokratie zu machen und in der Tat hat sich ein bis zur Jahrtausendwende anhaltender Trend zugunsten demokratischer Staatsformen zuletzt ins Gegenteil verkehrt.
Es ist aber kein Naturgesetz, dass es so weiter gehen muss und wir uns nicht wie schon in den 1970er Jahren schnell wieder in die richtige Richtung bewegen. Die direkten, vor allem aber auch indirekten Vorteile, in einer Demokratie zu leben, lassen die Möglichkeit, die Entwicklung der letzten Jahre widerstandslos zu akzeptieren, als nicht akzeptabel erscheinen. Und in der Tat müssen wir uns auch hier nicht einem scheinbar aussichtslosem Schicksal hingeben, sondern können zahlreiche Möglichkeiten zur Trendumkehr nutzen. Dazu gehören neben bürgerschaftlichem Engagement auch effektive Spenden für Demokratie.
Ähnlich sieht es aus, wenn es darum geht die Menschheit vor existenziellen Risiken zu schützen, wie beispielsweise einem Atomkrieg, natürlichen oder künstlich herbeigeführten Pandemien oder potentiellen Bedrohungen durch unkontrollierte Künstliche Intelligenz.
Auch in diesem Bereich können wir, indem wir Zeit oder Geld investieren, einen signifikanten Unterschied machen und die Risiken erheblich reduzieren. Und auch hier ist die Vergangenheit nicht ohne Erfolgsgeschichte. So stellt bei allem, was während der Corona-Pandemie falsch gelaufen sein mag, die in Rekordzeit durchgeführte Entwicklung wirkungsvoller Impfstoffe für mich einen Triumph dar, der mir Hoffnung gibt.
Die reichste Generation in der Geschichte der Menschheit
Allen Herausforderungen ist eines gemein: Nie waren wir besser gerüstet, diesen entgegenzutreten. Wir sind Teil der reichsten Generation in der Geschichte der Menschheit. Nie haben wir über mehr Wissen, mehr Geld und mehr kluge Köpfe verfügt, um die Welt besser zu machen. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Allein seit meiner Geburt hat sich das weltweite Bruttoinlandsprodukt inflationsbereinigt mehr als verdreifacht und selbst in dem kurzen Zeitraum, seitdem mein Sohn auf der Welt ist, ist es (inflationsbereinigt!) um über 20% oder knapp 17 Billionen US-Dollar gewachsen. Und auch wenn man die seitdem gewachsene Bevölkerung berücksichtig stehen der Menschheit über 10.000 Milliarden US-Dollar pro Jahr mehr zur Verfügung als noch 2014.
Das verschafft uns die historische Chance, die extreme Armut mit all ihren schlimmen Folgen ein für alle Mal zu besiegen, den Klimawandel umzukehren, die Massentierhaltung zu beenden und weitere Zukunftsrisiken für die Menschheit in den Blick zu nehmen.
Wir müssen nur wollen…
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