Die Welt ist furchtbar. Die Welt ist viel besser. Die Welt kann viel besser werden.

Verlassene Schaukel an einem See

Es ist falsch zu glauben, dass sich diese drei Aussagen gegenseitig widersprechen. Wir müssen erkennen, dass sie alle wahr sind, um zu erkennen, dass eine bessere Welt möglich ist.

Die Welt ist schrecklich. Die Welt ist viel besser. Die Welt kann noch viel besser werden. Alle drei Aussagen treffen gleichzeitig zu.

Diskussionen über den Zustand der Welt konzentrieren sich allzu oft auf die erste Aussage: Die Nachrichten betonen, was schief läuft, und erwähnen nur selten die positiven Entwicklungen in unserem Land oder in der Welt insgesamt.

Ein Zurückdrängen dieses Narrativs kann in das andere, ebenso schädliche Extrem führen. Die ausschließliche Betonung des Fortschritts, den die Welt erreicht hat, ist wenig hilfreich oder sogar abstoßend, wenn sie die Probleme der Menschen ausblendet.

Wenn wir nur die Probleme sehen und nur hören, was schief läuft, haben wir keine Hoffnung, dass die Zukunft besser wird. Wenn wir nur vom Fortschritt hören und nur von dem, was gut läuft, werden wir selbstgefällig und verlieren die Probleme der Welt aus den Augen. Beide verengten Sichtweisen haben die gleiche Konsequenz: Sie lassen uns nichts tun – es sind Weltbilder, die uns lähmen.

Es ist schwer, nicht nur einer dieser Perspektiven zu verfallen. Aber um zu erkennen, dass eine bessere Welt möglich ist, müssen wir erkennen, dass beides gleichzeitig wahr ist: Die Welt ist schrecklich und die Welt ist viel besser.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich das Beispiel einer der größten Tragödien der Menschheit anführen: den täglichen Tod von Tausenden von Kindern.

Was für die Kindersterblichkeit gilt, gilt auch für viele andere große Probleme. Die Menschheit steht vor vielen Problemen, bei denen sich die Dinge im Laufe der Zeit verbessert haben, die immer noch schrecklich sind und von denen wir wissen, dass sie noch besser werden können.[1]

Die Welt ist furchtbar

Weltweit sterben 4,4% aller Kinder, bevor sie 15 Jahre alt sind. Das sind die Daten für 2021, dem letzten verfügbaren Jahr.

Das bedeutet, dass jedes Jahr 5,9 Millionen Kinder sterben. Das sind 16.000 tote Kinder an einem durchschnittlichen Tag, 11 Kinder pro Minute.[2]

Eine Welt, in der sich jeden Tag Tausende von Tragödien ereignen, ist natürlich schrecklich.

Die Welt ist viel besser

Die große Lehre aus der Geschichte ist, dass sich die Dinge ändern. Aber es ist schwer, sich vorzustellen, wie schlimm die Lebensbedingungen einmal waren, und das macht es wiederum schwer zu verstehen, wie sehr sich die Welt verändert hat.

Daten können helfen, sich das Ausmaß des Wandels vor Augen zu führen. Historiker schätzen, dass in der Vergangenheit etwa die Hälfte aller Kinder starb. Dies galt bis ins 19. Jahrhundert, unabhängig davon, wo auf der Welt ein Kind geboren wurde.[3]

Es ist schwer vorstellbar, aber die Kindersterblichkeit ist heute selbst in den ärmsten Regionen der Welt viel besser als in der Vergangenheit. In Niger, dem Land mit der höchsten Sterblichkeitsrate, sterben heute etwa 14% aller Kinder.[4] Noch vor wenigen Generationen war die Sterblichkeit selbst in den wohlhabendsten Regionen mehr als dreimal so hoch.[5]

Unsere Geschichte lehrt uns, dass es möglich ist, die Welt zu verändern. Leider werden langfristige Daten darüber, wie sich die Lebensbedingungen verändert haben, nur selten in der Schule behandelt und auch die Medien berichten kaum darüber. Infolgedessen sind vielen selbst die grundlegendsten positiven Entwicklungen in der Welt völlig unbekannt.

Aber diese Tatsache – dass es möglich ist, die Welt zu verändern und außergewöhnliche Fortschritte für ganze Gesellschaften zu erzielen – sollte jedem bekannt sein. Wenn wir die größten Errungenschaften der Menschheit nicht kennen, ist es nicht verwunderlich, dass wir wenig Vertrauen in uns selbst und wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.

Die Welt kann viel besser werden

Der Fortschritt im Laufe der Zeit zeigt, dass es in der Vergangenheit möglich war, die Welt zu verändern, aber es stellt sich die Frage, ob dieser Fortschritt in der Zukunft fortgesetzt werden kann. Vielleicht sind wir zu einem unglücklichen Zeitpunkt in der Geschichte geboren, an dem der Fortschritt zum Stillstand gekommen ist?

Ein Blick auf die globalen Daten legt nahe, dass die Antwort nein lautet. Es ist möglich, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Eine Möglichkeit, dies zu erkennen, besteht darin, sich die Orte auf der Welt anzusehen, an denen die Lebensbedingungen heute am besten sind. Die Länder mit den besten Lebensbedingungen zeigen, dass eine extrem niedrige Kindersterblichkeit nicht nur möglich, sondern bereits Realität ist.

Die Weltregion, in der Kinder die besten Chancen haben, die Kindheit zu überleben, ist die Europäische Union. Die Sterblichkeitsrate in der EU liegt bei 0,47% – 99,53 % aller Kinder überleben ihre Kindheit.[6]

Um zu sehen, wie viel besser die Welt sein könnte, können wir uns fragen, wie die Welt aussähe, wenn dies überall Realität wäre. Was wäre, wenn es den Kindern auf der ganzen Welt so gut ginge wie den Kindern in der EU? Die Antwort lautet, dass jedes Jahr fünf Millionen weniger Kinder sterben würden.[7]

Die Zahl der Todesfälle würde weltweit von 5,9 Millionen auf 0,6 Millionen sinken.

Natürlich ist die Kindersterblichkeitsrate in der EU immer noch zu hoch, und es gibt keinen Grund, dass der Fortschritt hier aufhören sollte. Krebserkrankungen wie Leukämie und Hirntumore töten Hunderte von Kindern, selbst in den reichsten Ländern der Welt. Wir sollten uns bemühen, Wege zu finden, diese tragischen Todesfälle zu verhindern.

Die größten Möglichkeiten, Schmerz und Leid von Kindern zu verhindern, bestehen jedoch in den ärmsten Ländern. Dort wissen wir nicht nur, dass es besser geht, sondern auch, wie es besser geht.

Du kannst die Forschung darüber, wie man die Welt verbessern kann, nutzen, um selbst etwas zu bewirken. Ich empfehle, sich auf die von der gemeinnützigen Organisation GiveWell veröffentlichten Forschungsergebnisse zu verlassen.[8] Das Team von GiveWell hat Jahre damit verbracht, die kosteneffektivsten Hilfsorganisationen zu ermitteln, damit deine Spende die größten positiven Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen hat. Mehrere der empfohlenen Hilfsorganisationen konzentrieren sich auf die Verbesserung der Gesundheit von Kindern und geben dir die Möglichkeit, zum Kampf gegen die Kindersterblichkeit beizutragen.

Millionen Todesfälle bei Kindern sind vermeidbar. Wir wissen, dass es möglich ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Die Welt ist furchtbar; deshalb müssen wir über den Fortschritt Bescheid wissen

In den Nachrichten geht es oft darum, wie schrecklich die Welt ist. Es ist einfacher, den Menschen Angst zu machen, als sie zu positiven Veränderungen zu ermutigen, und schlechte Nachrichten finden immer ein großes Publikum.

Ich stimme zu, dass es wichtig ist zu wissen, was in der Welt falsch läuft. Aber angesichts dessen, was wir bereits erreicht haben und was in Zukunft möglich ist, halte ich es für unverantwortlich, nur darüber zu berichten, was falsch läuft.

Anzuerkennen, dass die Welt besser geworden ist, bedeutet nicht, zu leugnen, dass wir vor sehr ernsten Problemen stehen. Im Gegenteil: Hätten wir die beste aller möglichen Welten erreicht, würde ich nicht meine Tage damit verbringen, darüber zu schreiben und zu forschen, wie wir das geschafft haben. Gerade weil die Welt immer noch schrecklich ist, ist es so wichtig zu sehen, wie sie besser geworden ist.

Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit unsere Kultur ein wenig verändern kann, so dass wir die Möglichkeit des Fortschritts ernster nehmen.

Das ist ein lösbares Problem: Wir haben die Daten und die Forschung, um sowohl die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, als auch die Fortschritte, die möglich sind, zu erkennen. Das Problem ist, dass wir die Daten und Forschungsergebnisse, die wir haben, nicht nutzen. Die Daten sind oft in unzugänglichen Datenbanken gespeichert, die Forschung ist unter dem Jargon akademischer Abhandlungen begraben und oft hinter Bezahlschranken verschlossen. Ich habe das letzte Jahrzehnt damit verbracht, Our World in Data aufzubauen, um dies zu ändern.

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen ihre Energie und ihr Geld dafür einsetzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, dann müssen wir viel mehr Menschen davon überzeugen, dass es möglich ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Dazu müssen wir uns daran erinnern, dass alle drei Aussagen gleichzeitig wahr sind: Die Welt ist furchtbar, die Welt ist viel besser, und die Welt kann viel besser werden.

Danksagung: Ich möchte Hannah Ritchie und Toby Ord für ihr Feedback zu diesem Artikel danken.

Anmerkung des Effektiv Spenden-Teams: Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Our World in Data auf Englisch veröffentlicht und vom Effektiv Spenden-Team ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung basierte auf der überarbeiteten und aktualisierten Fassung, die im Februar 2023 hier veröffentlicht wurde. Die letzte vorherige Überarbeitung stammt aus dem Juli 2022. Die erste Version dieses Artikels wurde im Oktober 2018 veröffentlicht.

Über den Autoren

Avatar von Max Roser

Max ist der Gründer von Our World in Data und begann 2011 mit der Arbeit an der kostenlosen Online-Publikation. Heute ist er der Herausgeber und leitet das Team als Direktor. Er ist Professor of Practice in Global Data Analytics an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford, Programmdirektor des Oxford Martin Programme on Global Development und Co-Direktor des Global Change Data Lab, der gemeinnützigen Organisation, die Our World in Data veröffentlicht.

Quellen

[1] ↑ In einer Reihe von Schlüsselbereichen – natürlich nicht in allen – haben wir erhebliche Fortschritte erzielt. Dazu gehören Bildung, politische Freiheit, Gewalt, Armut, Ernährung und einige Verbesserungen bei Naturkatastrophen. Siehe auch meine kurze Geschichte der globalen Lebensbedingungen

[2] ↑ Mit Ausnahme der historischen Daten stammen alle Daten in diesem Beitrag von IGME, der UN Inter-agency Group for Child Mortality Estimation. Sie veröffentlicht ihre Daten hier: childmortality.org/data/World

Sie schätzen die weltweite Zahl der Todesfälle bei Kindern unter 15 Jahren im Jahr 2021 auf 5.862.574. Das bedeutet, dass im Durchschnitt 5.862.574 / 365,25 = 16.051 Kinder pro Tag sterben, 5.862.574 / (365,25 * 24) = 669 Kinder pro Stunde und 5.862.574 / (365,25 * 24 * 60) = 11,15 Kinder pro Minute.

[3] ↑ Hätten wir immer noch den schlechten Gesundheitszustand unserer Vorfahren, würden jedes Jahr mehr als 60 Millionen Kinder sterben. Wie viele Kinder starben damals? Wir wissen es nicht, denn es gibt keine Daten über die Zahl der Geburten weltweit in dieser Zeit. Für die 1950er und 1960er Jahre liegen Schätzungen der Geburten- und Sterbeziffern vor, die zeigen, dass jährlich etwa 20 Millionen Kinder starben. Siehe die Daten hier.

Es gab einige Schwankungen im Laufe der Zeit und einige Unterschiede zwischen verschiedenen Orten. Aber wie der verlinkte Artikel zeigt, war die Sterblichkeit in sehr unterschiedlichen Kulturen erstaunlich ähnlich. Ob im alten Rom, in Jäger- und Sammlergesellschaften, im präkolumbischen Amerika, im mittelalterlichen Japan oder England, in der europäischen Renaissance oder im kaiserlichen China – jedes zweite Kind starb.

[4] ↑ Siehe die Weltkarte über die Sterblichkeit der unter 15-Jährigen.

[5] ↑ Siehe die Daten unter „Sterblichkeit in der Vergangenheit – etwa die Hälfte starb als Kind.“

[6] ↑ Die Kindersterblichkeitsrate in der EU – 0,47% – wurde als gewichteter Durchschnitt der Jugendsterblichkeitsrate der folgenden Länder berechnet: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn und Zypern. Die Daten beziehen sich ebenfalls auf das Jahr 2021 und stammen aus derselben Quelle (UN-IGME). Die Gewichte werden auf der Grundlage der Anzahl der Kinder unter 15 Jahren zugewiesen.

Betrachtet man einzelne Länder, wird dieser Unterschied noch deutlicher: In den Ländern mit der besten Gesundheit ist die Kindersterblichkeit wiederum fast doppelt so niedrig wie in der EU insgesamt.

Zu den Ländern mit den niedrigsten Sterblichkeitsraten gehören heute San Marino, Norwegen, Japan, Finnland, Singapur, Island und Slowenien, wo 99,7 % aller Kinder überleben. Diese Grafik zeigt die Rangfolge. Da mehrere dieser Länder jedoch klein sind, habe ich diesen Text nicht auf die Daten eines einzelnen Landes, sondern auf eine große Weltregion bezogen, in der jedes Jahr Millionen von Kindern geboren werden.

[7] ↑ Die Gesamtzahl der Todesfälle bei Kindern beträgt, wie oben angegeben, 5.862.574. 5.862.574 – 5.862.574 / (4,4 / 0,47) = 5.236.345 weniger Kinder würden sterben, wenn die globale Sterblichkeitsrate 0,47% statt 4,4% betragen würde. Die Zahl der Kinder, die sterben würden, wenn die globale Sterblichkeitsrate 0,47% betragen würde, wäre 5.862.574 – 5.236.345 = 626.229

[8] ↑ Anmerkung des Effektiv Spenden-Teams: Wir arbeiten eng mit dem Gutachter GiveWell zusammen und stützen unsere Top-Empfehlungen auf die Analysen und Empfehlungen von GiveWell.

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