Vorfälle bei GiveDirectly im Kongo: So geht transparente Aufklärung

Vorfälle bei GiveDirectly im Kongo: So geht transparente Aufklärung
Vorfälle bei GiveDirectly im Kongo: So geht transparente Aufklärung

GiveDirectly hat zu Beginn des Jahres einen ernstzunehmenden Betrugsfall in einem ihrer Projekte in der Demokratischen Republik Kongo (Kongo) aufgedeckt und seitdem systematisch aufgearbeitet. Mitarbeiter von GiveDirectly vor Ort haben sich mit anderen Personen außerhalb der Organisation zusammengetan, um systematisch Gelder abzuzweigen, die für die Empfänger von direkten Geldtransfers bestimmt waren. Der aktuelle Betrugsfall war offensichtlich nur möglich, weil GiveDirectly ausnahmsweise die Registrierungs- und Auszahlungsmodalitäten in dem konkreten Projekt geändert hatte (Details in dem o.g. Artikel von GiveDirectly), um in einer besonders abgelegenen und unsicheren Region des Kongos arbeiten zu können – wo direkte Geldtransfers aber aufgrund der hohen Armut der Bevölkerung einen besonders großen Unterschied machen.

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, aber GiveDirectly geht derzeit davon aus, dass rund 0,6% des Auszahlungsvolumens des vergangenen Jahres gestohlen wurden, was ungefähr 900.000 US-Dollar entspricht. 

GiveDirectly entschuldigt sich ausdrücklich für den entstandenen Schaden – in erster Linie bei den ca. 1.700 betroffenen Empfängern, also der am stärksten betroffenen Gruppe. Die Organisation wird ihr Bestes tun, um sicherzustellen, dass sie nun nachträglich die so wichtigen Geldtransfers erhalten. Aber natürlich entschuldigt sich GiveDirectly auch bei allen Spenderinnen, deren Vertrauen in die Wirksamkeit einer Spende dadurch beschädigt wurde. Wir schließen uns dieser Entschuldigung an.

Natürlich erscheint das viel. Und natürlich ist das viel. Aber leider können Korruption und Veruntreuung nie ganz verhindert werden. Das ist leider die Realität in derartigen Projekten.

Einmalig ist jedoch der vorbildhafte, zeitnahe und ganz transparente Umgang von GiveDirectly mit diesen Vorfällen. Konsequent in der Aufklärung. Transparent in der Kommunikation. Und darauf fokussiert, ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Dies stärkt immer wieder aufs Neue unser Vertrauen in die Organisation. 

Anstatt den Vorfall zu vertuschen, gab es Anfang 2023 eine umfangreiche Aufklärung, einen sofortigen Stopp der entsprechenden Programme und Auszahlungen. Programme in anderen Ländern wurden einer umfassenden Prüfung unterzogen, um ähnliche Vorfälle dort auszuschließen. Auch externe Wirtschaftsprüfer wurden in die Untersuchungen einbezogen. Gefolgt von einer zeitnahen, umfangreichen und transparenten Kommunikation an Partner, Förderer und Spender.

GiveDirectly verfügt über umfangreiche interne Kontrollsysteme, um Betrug so weit wie möglich auszuschließen. Davon konnten sich Stefan Shaw und Sebastian Schienle bereits vor rund 7 Jahren vor Ort bei GiveDirectly in Uganda überzeugen. Über die Ergebnisse dieser Bemühungen und die dennoch nie vollständig verhinderbaren Betrugsversuche berichtet die Organisation seit Jahren sehr transparent (siehe z.B. hier, hier und hier), was unter gemeinnützigen Organisationen immer noch eine Seltenheit ist – leider…

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Sebastian Schienle (3. v.r. – Leitung Research bei Effektiv Spenden) auf Projektbesuch bei GiveDirectly, Bukedea Disctrict, Uganda, 2015

Zusammen mit anderen Schadensfällen sind somit im letzten Jahr ca. 1,1% der von GiveDirectly ausgezahlten Gelder durch Betrug verloren gegangen, der bisher höchste Jahresbetrag der Organisation. Ein Vergleich mit anderen Organisationen ist schwierig, da kaum belastbare Zahlen vorliegen. Der ehemalige Leiter der Abteilung für Bekämpfung von Betrug bei Oxfam schätzte jedoch bereits 2016, dass bei vielen Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit zwischen 2% und 5% der jährlichen Einnahmen durch betrügerische Aktivitäten verloren gehen.

Natürlich würden wir uns wünschen, dass es überhaupt zu keinen Betrugsfällen kommt bzw. kommen kann. Daher nehmen auch wir den Vorfall sehr ernst und stehen dazu in engem Kontakt mit GiveDirectly. Dennoch bestärkt uns der Umgang der Organisation mit diesem Vorfall in unserer Förderempfehlung. Zu einer evidenzbasierten Arbeit gehört auch der transparente Umgang mit Rückschlägen und Herausforderungen. Trotz der hohen Summe, die für die Empfängerinnen der Geldtransfers, für GiveDirectly selbst und für die Spenderinnen und Spender der Organisation verloren gegangen ist, bietet der Umgang mit den Betrugsfall im Kongo die Chance, direkte Geldtransfers noch sicherer und effektiver zu machen – eine Chance, von der auch andere Hilfsorganisationen lernen können.

Der vollständige GiveDirectly-Artikel zum Vorfall und dem Umgang der Organisation damit, sowie zu Fragen & Antworten dazu, findet sich hier

Über die Autorin

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Gründerin & Geschäftsführerin

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