Wie finde ich das beste Spendenthema?

Froot Loops oder Müsli-Mix?

Mit dem Spenden kann es einem so gehen wie mit dem Müsli. Man betritt einen Su­permarkt und möchte mal wie­der eine richtig gute Mischung fürs Frühstück kaufen. Lecker soll sie sein – und gesund. Und dann findet man sich vor meter­langen Regalen mit gigantischer Auswahl und soll sich entschei­den: Hafer oder Amaranth? Genuss oder Fitness? Fruchtig oder körnig? Regional oder internati­onal? Und alle behaupten, lecker zu sein. Und natürlich gesund. Selbstverständlich wissen wir, dass nur die wenigsten gesund sind. Aber welche?

Anders als beim Müsli sind die Philanthro­pie-Regale­ im Supermarkt nicht meterlang. Sondern kilometerlang. Und alle Packungen, ausnahmslos, ver­sprechen maximale Gesundheit: für unsere Mitmenschen, die De­mokratie, die Tiere, das Klima, die Natur… Jedes Projekt, jede Initiative und jede Organisation: unverzichtbar für die Rettung der Welt. Anders als beim Müsli findet man aber in der Philanthro­pie bei den meisten Packungen kaum Zutaten auf der Rückseite – und erst recht keine Angaben zum tatsächlichen Nährwert. Wie also sollen wir uns in diesem Markt orientieren?

Bevor man sich mit ein­zelnen Packungen, also konkre­ten Maßnahmen und Organisa­tionen, auseinandersetzen kann, muss man in der Philanthropie zunächst erst einmal den richti­gen Gang finden, also das The­menfeld, in dem sich schon mal grundsätzlich mehr bewegen lässt als in anderen Feldern.

Aber wie findet man das Thema, das den besten Nähr­wert, den größten Hebel, die ma­ximale Wirkung fürs Geld liefert? Vier Fragen an Förderthemen, die möglicherweise bereits in der engeren Auswahl sind, können weiterhelfen.

1. Frage: Ist das mögliche Förderthema tatsächlich besonders wichtig?

Oder anders gefragt: Sind bei diesem Thema im Vergleich zu anderen Themen besonders viele Menschen (oder Tiere) in gravierender oder sogar existenzieller Weise betroffen?

Beispiel Armut: Das Problem der Armut und ihrer Folgen in Ländern südlich der Sahara in Afrika ist um ein Vielfaches größer als in den Industrieländern. Wer sich um die Bekämpfung der Armut kümmern möchte und dabei so viele Menschen wie möglich erreichen will, kann dieses Ziel also eher dort als hier erreichen.

2. Frage: Ist das mögliche Förderthema tatsächlich besonders dringend?

Oder anders gefragt: Sind bei diesem Thema bereits hier und heute entscheidende Weichenstellungen oder Kipppunkte erkennbar, die irreversible Folgen haben werden, wenn man nicht sofort dagegensteuert?

Beispiel Umwelt: Die Bekämpfung der Klimakrise (zum Beispiel durch Einflussnahme auf politische Entscheidungen) ist angesichts wahrscheinlich irreversibler „Tipping Points“ mit katastrophalen globalen Folgen dringender als zum Beispiel die Ausweitung eines Naturschutzgebiets in Ostwestfalen.

3. Frage: Ist das mögliche Förderthema konkret lösbar?

Oder anders gefragt: Liegen bei dir schon ausgearbeitete Lösungsstrategien und -pläne vor, die sozusagen nur noch auf die Umsetzung warten? Zum Beispiel, weil die Wirksamkeit von bestimmten Maßnahmen längst nachgewiesen ist? Oder weil mögliche Maßnahmen so konkret sind, dass man ihre Wirksamkeit gut überprüfen könnte?

Beispiel Demokratie: Das Problem des internationalen Demokratieverfalls lässt sich konkreter angehen, indem man beispielsweise systematisch benachteiligte Wählerinnen in den USA praktisch (und nachweislich wirksam) darin unterstützt, ihre Stimme abzugeben – anstelle zum Beispiel Nachwuchsführungskräfte aus verschiedenen Ländern dazu einzuladen, sich bei einem Symposium über Demokratie auszutauschen.

4. Frage: Ist das mögliche Förderthema stark vernachlässigt?

Oder anders gefragt: Bekommt das Thema weniger Aufmerksamkeit und (Spenden-)Geld als andere Themen – zum Beispiel, weil es im Vergleich zu anderen Themen nicht besonders modisch oder medienwirksam ist? Oder weil es die Vorstellungskraft von vielen Menschen übersteigt?

Beispiel Gesundheit: Das Problem schwerer psychischer Erkrankungen wird im Vergleich zur Behandlung von beispielsweise AIDS enorm vernachlässigt, insbesondere in Entwicklungsländern. Nur ein winziger Bruchteil der Mittel, die weltweit für HIV-Programme aufgewendet werden, steht für psychische Gesundheit zur Verfügung. Also lässt sich mit einer Förderung von Projekten zur psychischen Gesundheit wahrscheinlich erheblich mehr Menschen helfen – als damit, ohnehin schon solide finanzierten HIV-Projekte nochmals aufzustocken.

Bis zu 100 x mehr Wirkung.

All diese Beispiele stellen nicht in Abrede, dass die Bekämp­fung von Armut hierzulande sinn­voll, die Hilfe für HIV­-Erkrankte notwendig, internationale Demo­kratie­-Symposien wünschenswert und die Ausweitung von Natur­schutzgebieten eine gute Idee sind. Sie zeigen nur, dass angesichts grundsätzlich begrenzter Ressour­cen einige Förderfelder lohnens­werter und die dort ansetzenden Maßnahmen wahrscheinlich wirksamer sind als andere. Sehr viel wirksamer. Oftmals um den Faktor 10. Und manchmal um den Faktor 100. Etwa so groß also wie die Unterschiede des Zuckergehalts von Froot Loops und dem Vollkorn­-Mix. Beide mit dem identischen Versprechen einer gesunden Mahlzeit. Aber eben nur eines hält sein Versprechen – und uns fit.

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