Kühlen Kopf bewahren

Erdgasabfackelung in Rumänien

Wenn die Menschheit die selbst verursachte Erderwärmung doch noch einigermaßen kontrolliert überstehen will, braucht es besondere Organisationen. Organisationen, die sehr genau wissen, wo man ansetzen muss, um möglichst schnell die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Das beste Mittel dazu sind besondere Menschen: die mit ganzer Leidenschaft einen kühlen Kopf bewahren. So wie Lee Beck, die von Aachen im Rheinland aus in die Welt aufbrach – und jetzt für den KlimaThink-Tank Clean Air Task Force (CATF) in Washington nach Klimalösungen abseits des Mainstreams sucht. Wie sollte man sein als Mensch, damit das gelingt? Ein Porträt.

Larissa Lee Beck (* 1993) hat mit 28 Jahren einen so beeindruckend-vielfältigen Lebenslauf, dass manch 82-Jähriger neidisch werden könnte. dpa-Journalistin, Studium u. a. in Washington, D.C. (Johns Hopkins University) … jede Menge Auslandsaufenthalte und aufregende Stationen im Bereich Energie-Innovation und -politik; auch Fellow beim Atlantic Council ist sie schon. Bei CATF leitet Lee Beck seit Juni 2020 die Aktivitäten für realistisch mutige „Carbon Capture“-Politik.

Gehen wir mal davon aus, dass Menschen geprägt werden von dem Umfeld, in dem sie aufwachsen. Was nimmt dann jemand aus Aachen fürs Leben mit? Aachen liegt im Rheinland, weshalb der Karneval eine kaum zu unterschätzende Bedeutung hat. Aachen ist der Standort der RWTH, einer der führenden Technischen Hochschulen: also was für „Nerds“. Aachen hat eine eindrucksvolle Geschichte: römische Siedlung, Kaiserpfalz, Reichsstadt, Aachener Dom. Mit Bezug auf Karl den Großen gilt Aachen – heute unmittelbar an die Niederlande und Belgien grenzend – als eine Art Ursprungsort Europas („Pater Europae“). Und dann sind da noch die Aachener Printen, ein süßes Lebkuchengebäck. Angeblich gibt es sogar Printen-Likör!

Wo Europa gefeiert wird.

Die Frage also wäre, was genau Lee Beck (28) diesem Aachen verdankt: Hier hat sie 2012 ihr Abitur gemacht (am Kaiser-Karls-Gymnasium!) – und ist dann sehr schnell hinausgezogen in die nahe und die weite Ferne. Im Frühjahr 2021 sitzt Beck, inzwischen angekommen bei der Klimaorganisation CATF, in ihrem enorm aufgeräumten Wohnarbeitszimmer in Washington, D.C., vor der Computer-Kamera. Eindrucksvolle Grünpflanzen im Hintergrund. Aus dem Fenster scheint ein sonniger Vormittag aus der US-Hauptstadt herein. Beck muss aus 6.332 Kilometern und neun Jahren Entfernung kaum zwei Sekunden lang überlegen, um die Herkunftsfrage klar und eindeutig zu beantworten. „Das Dreiländereck war’s. Nach 25 min. Fahrzeit eine andere Sprache zu hören. Eine andere Kultur zu erleben. Maastricht, Lüttich. Ja, tatsächlich“, sagt Lee Beck und hört sich dabei kein bisschen pathetisch, sondern vollkommen nüchtern an: „Die europäische Idee.“ Deshalb fiel ihr die Entscheidung nicht schwer, zum Studieren an die Universität nach Maastricht zu gehen. In eine Stadt, in der „Europa gefeiert wird“. Auch wenn Beck eigentlich viel weiter weg wollte. Aber genau das war ja der Reiz: „So nah. So international.“ Erst recht, wenn man in Maastricht dann auch noch „Internationale Beziehungen“ studiert, so wie Lee. Und immer wieder Ausflüge macht. Erst nach Hongkong, aber dann auch noch nach Tansania, weil sie „was früher“ (also etwas schneller) fertig gewesen ist mit ihrem BA. Wer sagt’s denn: Auch der rheinländische Tonfall ist ihr also bis heute geblieben. Der „schelmische Singsang“, wie ihn die Schriftstellerin Ildik von Kürthy nennt, die ebenfalls aus Aachen kommt. (Auch wenn Lee Beck findet, ihr Deutsch sei insgesamt etwas eingerostet inzwischen.)

Und noch etwas hat Lee Beck schon zu Aachener Zeiten entwickelt und nie aufgegeben: das journalistische Talent und die Fähigkeit, Themen abseits des Mainstreams zu erkennen, sie auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen – und daraus Geschichten zu machen, die möglichst viele Leser erreichen. Oder genauer gesagt: die richtigen Leser. Schon während ihrer Schulzeit schrieb Beck nachmittags für die Aachener Nachrichten. Damit ist sie bei einer Institution gelandet, die ihren Reporterinnen zwar nicht die maximale Sichtbarkeit oder besonders große Chancen auf Preise, Ruhm und Ehre bieten kann – dafür aber sozusagen eine einzigartige Hebelwirkung verspricht. Denn wer für die dpa, die Deutsche Presse-Agentur, schreibt, verteilt seine Texte sozusagen „B2B“ an eine enorme Anzahl und Vielfalt anderer Medien, die wiederum ihre Leser bedienen. „Das war toll für mich“, sagt Beck. „Egal wo ich war, ob in Hongkong, Italien oder Tansania, ich konnte mich mit dem zuständigen dpa-Büro in Verbindung setzen und Material vorschlagen, am besten für Reportagen oder Porträts.“ Diese wurden dann von der Agentur deutschlandweit verteilt.

Relevanz in den Nischen.

Das Denken und Leben in internationalen Zusammenhängen. Schelmische Nüchternheit statt todernstes Pathos. Eine grundsätzliche Aufgeräumtheit im Kopf. Die Freude daran, Relevanz in den Nischen zu entdecken – um von dort aus mit enormer Zielstrebigkeit die Wirkung zu vervielfältigen. Vielleicht hat man damit schon einen Großteil der Ausstattung beisammen, die Lee Beck zu CATF geführt hat … und die man bei CATF besonders gut gebrauchen kann. Klar, die inhaltliche Spezialisierung kommt noch dazu; aber das versteht sich ja fast schon von selbst. Im Fall von Lee Beck hieß das: Auf das Themenfeld des Klimaschutzes kam sie, weil es sich eben nur international verstehen und sinnvoll bearbeiten lässt. „Und weil dafür so viele unterschiedliche Blickwinkel nötig sind“, sagt Lee Beck. Typischerweise hat sie sich dann eine Perspektive ausgesucht, die – zumindest vor einigen Jahren – noch als relativ abseitig galt. „Carbon Capture, Removal & Storage“ (CCRS), also die Abscheidung und Speicherung von CO2 mit technologischen Mitteln. „2018 war das noch eine echte Nische, auch deswegen hat es mich so interessiert“, erinnert sich Beck. „Alle haben sich mit erneuerbaren Energien oder mit Effizienzsteigerung beschäftigt. Kaum jemand hat sich um Innovationen gekümmert.“ Typisch Aachen, wenn man so will: Ein bisschen „Nerd“ war und ist Lee Beck eben auch.

Sehr, sehr konsequent.

Und wofür steht nun CATF? Für „Clean Air Task Force“, was die vier Buchstaben betrifft – und das seit der Gründung der Organisation vor 25 Jahren (also seit 1996). Das war damals auch das Ziel: die verschmutzte Luft in den USA sauberer zu machen, vor allem durch Kampagnen für die Regulierung von Kraftwerken. Aus diesem Profil einer ziemlich normalen (wenn auch von Anfang an ziemlich erfolgreichen) Umweltschutz-Truppe wurde im Laufe der Jahre – sozusagen während Lee Beck groß und erwachsen wurde – eine Task Force im Sinne des Wortes. Nämlich eine auf die Aufgabe des Klimaschutzes extrem fokussierte Organisation, die dafür gewaltige Kraft entwickelt. Das heißt, inzwischen arbeitet CATF ausschließlich für die große „Netto-Null“ – also dafür, Treibhausgas-Emissionen so schnell wie möglich so weit wie möglich zu senken. Bis nicht mehr davon ausgestoßen wird, als gebunden werden kann. Und das macht CATF so, wie es auch der Lebenslauf von Lee Beck vorführt: international, nur an Wirkung orientiert, abseits des Mainstreams. Und sehr, sehr konsequent.

Aufnahme einer Spezialkamera um Methan-Lecks zu entdecken
Aufnahme einer Spezialkamera um Methan-Lecks zu entdecken
Aufnahme einer Spezialkamera um Methan-Lecks zu entdecken
Aufnahme einer Spezialkamera um Methan-Lecks zu entdecken

„Wir können es uns nicht leisten, auf Optionen zu verzichten.“

Zum Beispiel setzt CATF Spezialkameras ein, um bei Leitungen und Anlagen für Öl und Gas zahlreiche Methan-Lecks sichtbar zu machen (siehe Foto oben). Damit präsentiert CATF der Industrie, aber vor allem der regulierenden Politik eine nun unverkennbare, aber bisher übersehene Chance zur Treibhausgasreduktion: schnell, einfach, vergleichsweise billig und vor allem extrem wirkungsvoll. Denn der klimaschädliche Effekt von Methan ist weitaus größer als beim allgegenwärtigen CO2 (weshalb Methan genauso wie Stickstoffdioxid, also NO2, als sogenannter Super Pollutant bezeichnet wird). CATF fürchtet sich aber auch nicht vor Themenbereichen und Forderungen, die bei anderen Klima- und Umweltschützern als nicht gerade populär, ja sogar als Tabu gelten. So setzt sich die Task Force für die Erforschung sicherer Nuklearenergie ein („Advanced Nuclear“). Aber auch Lee Becks Spezialgebiet CCRS zählt nach wie vor zu den Reizworten in einer überhitzten Diskussion – auch wenn die Abkürzung inzwischen zum Wortschatz von Elon Musk und Joe Biden gehört. Ist es nicht ein Problem, gegen die fatalen Konsequenzen der westlichen Technologiegläubigkeit ausgerechnet mit Technologiegläubigkeit anzutreten? Die Antwort von Lee Beck könnte kühler nicht sein: „Wir sollten uns über den Zeitraum im Klaren sein, den wir noch zur Verfügung haben.“ Sie klingt jetzt geradezu eiskalt: „Wir können es uns einfach nicht leisten, auf Optionen zu verzichten. Um mehr davon zur Verfügung zu haben, müssen wir schnell Technologien kommerzialisieren und skalieren, damit sie dann grenzübergreifend verfügbar sind.“ Deswegen ist sie beispielsweise so überzeugt vom Projekt „Northern Lights“, mit dem in Norwegen die CO2-Zwischenlagerung und -Verpressung tief unter dem Meeresboden erprobt werden. Weil es Optionen eröffnet, und vor allem: „Weil es europäisch ausgelegt ist.“ Diese coole Haltung und kompromisslose Orientierung an Lösungen denjenigen Politiker*innen nahezubringen, die wirklich etwas bewegen können, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Lee Beck und CATF. Dass sie damit Erfolg haben, lässt sich unter anderem am Start der Biden-Administration erkennen – an deren exzellenter Vorbereitung war CATF nicht ganz unbeteiligt. Insofern passt es gut, dass auf Lee Becks Visitenkarte „Policy Innovation“ steht – „und eben nicht ,Innovation Policy‘“, wie sie betont. Und es kann kein Zufall sein, dass sich CATF immer stärker auch auf Europa ausrichtet: jetzt, wo eine Aachenerin im Team arbeitet.

Und die Printen? „Die nehme ich jedes Mal mit aus Deutschland“, sagt Lee Beck. „Weil sie so lecker sind.“

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