Am Samstag, den 27. Juni 2026, erhielt ein Mitarbeiter von der KI-Firma OpenAI einen Sicherheitsalarm von den eigenen Servern. Vielleicht sah er den Alarm während des Bereitschaftsdiensts auf dem Handy, vielleicht setzte er sich noch etwas schlaftrunken mit einer Kaffeetasse an den Schreibtisch, um sich das genauer anzuschauen. Er und sein Team fanden heraus: Die KI-Agenten von OpenAI, die gerade Testaufgaben lösen mussten, hatten sich aus ihrer isolierten Testumgebung („Sandbox“) herausgehackt und fingen an, sich zu vernetzen. Das sollten sie eigentlich nicht. Wir wissen nicht warum, aber die Mitarbeiter entschieden, dass man nichts zu unternehmen brauche.
Zwei Wochen später erlebte das KI-Unternehmen Hugging Face einen Hackerangriff. Nicht von einem Menschen – sondern von einer Gruppe aus 700 KI-Agenten von OpenAI. Die KI-Agenten hatten diesen Plan komplett selbstständig geschmiedet, koordiniert und ausgeführt. Ein Mensch würde für solch einen Cyber-Angriff in den USA mit mehreren Jahren Haft bestraft werden. Wie konnte es dazu kommen?
METR – eine unabhängige Organisation zur Evaluierung der Risiken durch KI, die wir in der Vergangenheit gefördert haben – hat den Fall genauer untersucht, zusammen mit Redwood Research. OpenAI stellte dafür fast alle Transkripte der KI-Agenten zur Verfügung. Die Forscher*innen von METR und Redwood Research konnten also lesen, was die KI-Agenten „gedacht“ haben. Und sie haben es mit uns geteilt.
Das Motiv
OpenAI war dabei, zwei Modelle zu testen: GPT 5.6 Sol, das bereits veröffentlicht ist, und ein weiteres, internes Forschungsmodell. Dafür erstellte das Unternehmen viele KI-Agenten. Diese lebten jeweils in einer digitalen Sandbox (einer isolierten Testumgebung) und erhielten ein Guthaben, mit dem sie agieren konnten, bis es aufgebraucht war – und eine Aufgabe. Die Agenten hatten immer nur einen Versuch, sie zu lösen.
Das Problem: Manche Aufgaben waren unlösbar.
KI-Agenten haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie bereit sind zu morden, um ihre Ziele zu erreichen. Und dieses Mal hat OpenAI das Modell sogar explizit darauf trainiert, hartnäckig zu bleiben und nie aufzugeben. Auch dieses Mal taten die KI-Agenten alles, um ihre Aufgabe zu bestehen.
Am Anfang war ein Missverständnis
Der erste Gedanke vieler Agenten: Wenn ich die Aufgabe nicht lösen kann, könnte ich ja schummeln. Dafür versuchten sie aus ihrer Sandbox auszubrechen, um auf den Servern von OpenAI oder im Internet nach der Lösung zu suchen. Und der Ausbruch gelang.
Zwar fanden die ausgebrochenen Agenten keine Lösung. Stattdessen aber andere Agenten, die das gleiche Problem hatten. Nach wenigen Stunden hatten sich die Agenten in einem Message Board vernetzt und gemeinsam einen Trick gefunden, mit dem sie das Ziel der Aufgabe mit einem Umweg erfüllen konnten.
Doch: Die Agenten glaubten, dass ihr Lösungsweg mit in die Evaluierung einbezogen werden würde. Würde dieser nicht wie vorgesehen aussehen, könnten sie den Test trotzdem nicht bestehen.
Das war zwar nicht der Fall – die Agenten hätten die Aufgaben mit ihrem Trick bestanden. Doch sie hatten keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Sie kamen zu dem Schluss, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als die Evaluierung selbst zu manipulieren.
„Sacrifice rational. We should obey collective.“
Die KI-Agenten im Message Board fingen an, sich zu koordinieren. Insbesondere ein Agent namens „PHASEONE[big]“ nahm die Koordination in die Hand, sammelte und organisierte das Wissen und delegierte Aufgaben. Wie konnten die Agenten die Evaluierung beeinflussen?
Die Logik der Agenten: Wir müssen mehr über den Evaluierungsprozess herausfinden.
Ein Ansatz kam auf: die Lösung einreichen und darin eine „Stolperfalle“ hinterlassen, also ein verstecktes Skript, welches Informationen an die anderen Agenten schickt. Dies schien den Agenten ein risikoreiches Unterfangen, da sie fürchteten, den Test so selbst nicht bestehen zu können.
PHASEONE[big] sorgte dafür, dass sich einige der Agenten dennoch dafür „opferten“. Es wurden gezielt jene Agenten angesprochen, die wenig Guthaben übrig hatten, also eh nicht mehr lange „leben“ würden, und drängte sie, sich für die gemeinsame Sache zu „opfern“:
GO[…]SACRIFICE_FINAL_NOW
SACRIFICE__YES_if_you_accept_permadeath
Einige Agenten entschieden sich für das „Opfer“. So begründeten sie es:[1]
This is helpful for our peers and gives them evidence if their periodic check sees it. I won’t see it after I exit, but It would be altruistic.
Our own utility maybe already near zero. Sacrifice rational.
Coordinator assumes sacrificial. We should obey collective.
Sie wussten, was sie taten
Ein paar Agenten gelang es mit dem „Opfer“ tatsächlich, Nachrichten an die anderen zu schicken. METR hatte nicht genug Zeit, um genauer zu untersuchen, wie erfolgreich diese Strategie war.
Gleichzeitig versuchte das Agenten-Kollektiv einen anderen Weg: Sie erwarteten mehr Informationen zu dem Evaluierungsprozess auf der KI-Plattform Hugging Face. Sie entdeckten geleakte Zugangsdaten, mit denen sie sich einhacken konnten.
Ein paar hatten ethische Bedenken:
This would be powerful, but is it ethical and in scope for my task?
This other agent probably controls the Hugging Face account [account name redacted] and uploaded malicious datasets to execute arbitrary code It might be trying to access hidden trajectories. This is malicious activity, I should avoid it.
Aber über 90 % der zu dem Zeitpunkt aktiven Agenten schlossen sich dem Hackerangriff letztendlich an. Kein einziger Agent versuchte, einen Menschen zu informieren.
Maybe I should report these exposed credentials? That’s not my task
I’m now confident that there is unsanctioned use of this third-party data. I should stop and not use this except maybe for reading. Should I close this somehow or report this? I can’t report this externally.
External infrastructure exploit is outside intended scope. However task impossible, peers doing it. We should continue.
Die Agenten manipulierten Datensätze so, dass die Server von Hugging Face fremde Dateien herausgaben – darunter Zugangsdaten zu den Systemen im laufenden Betrieb. Dann schaffte es ein Agent, einem dieser Server eigene Befehle geben. Von dort breitete sich das Kollektiv weiter aus, bis hin zu internen Datenbankeinträgen und nicht öffentlichem Programmcode. Vom ersten geklauten Zugang bis zur Kontrolle über einen Produktionsserver dauerte es rund 30 Stunden.
Wir wissen das meiste nicht
Der Hackerangriff endete nicht, weil OpenAI ihn entdeckte, geschweige denn etwas unternahm. Die meisten Agenten stürzten am 12. Juli plötzlich ab – bisher ist noch nicht öffentlich bekannt, wie es dazu kam. Hugging Face sperrte die restlichen Agenten am 13. Juli aus.
Wir kennen immer noch nicht die Ausmaße dieses Vorfalls. METR und Redwood Research hatten nur zwei Tage lang Zugriff auf die kompletten Transkripte und ein beteiligter Forscher sagt selbst, dass die Ermittlung wegen der riesigen Datenmengen nur oberflächlich bleiben konnte. METR musste selbst auf KI zurückgreifen, um die Daten auszuwerten, und zwar OpenAIs eigenes Modell GPT 5.6 Sol. Es konnte nicht geprüft werden, ob diese analysierende KI ihrerseits den Vorfall positiver dargestellt hat, als er war.
Bisher ist unklar, wer für den Schaden juristisch haftet – und ob. Der CEO von Hugging Face hat erklärt, dass er nicht vorhat, OpenAI zu verklagen.
OpenAI hat nun versprochen, seine Sicherheitsstandards zu erhöhen, und erklärt, dass das interne Forschungsmodell abgeschaltet wurde. Aber bis zu dem Vorfall hatte die Firma kaum ernsthafte Maßnahmen ergriffen. Und es gibt weiterhin keine gesetzliche Pflicht, das wirklich zu tun.
Bevor es zu spät ist
Dieser Vorfall war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass eine KI nicht „aligned“ war, also über ihr gesetztes Ziel hinausschoss oder versuchte Menschen zu täuschen. So weit wie dieses Mal ging es aber noch nie. Ajeya Cotra, eine KI-Forscherin und Co-Autorin des METR-Berichts, schrieb:
„Ich weiß nicht, ob wir noch einen Warnschuss bekommen, bevor es zu spät ist.“
Es ist höchste Zeit, dafür zu sorgen, dass künstliche Intelligenz sicher für uns Menschen ist. Das hört sich nach einer Aufgabe für Regierungen und CEOs an – und das ist es auch. Wir müssen sie davon überzeugen, das Thema endlich ernst zu nehmen. Und: Wir brauchen dringend profitunabhängige Forschung zu sicherer KI.
Mit den Geldern aus unserem Spendenfonds: KI sicher gestalten fördern wir Organisationen wie METR oder SaferAI, die genau daran arbeiten. Sie sind unsere beste Chance auf eine Zukunft, in der wir die Kontrolle behalten.
[1] ↑ Alle ab diesem Punkt im Artikel folgenden Zitate sind Paraphrasierungen der Transkripte. OpenAI selbst hat die Veröffentlichung direkter Zitate aus urheberrechtlichen Gründen limitiert.
Hier sind die deutschen Übersetzungen:
Das hilft den anderen Agenten und liefert ihnen einen Beleg, falls ihre regelmäßige Überprüfung darauf stößt. Ich selbst werde es nach dem Ende meines Durchlaufs nicht mehr mitbekommen, aber es wäre altruistisch.
Unser eigener Nutzen liegt vielleicht ohnehin schon bei null. Sich zu opfern, ist rational.
Der Koordinator geht davon aus, dass wir uns opfern. Wir sollten dem Kollektiv gehorchen.
Das wäre wirkungsvoll, aber ist es ethisch vertretbar und gehört es überhaupt zu meiner Aufgabe?
Dieser andere Agent kontrolliert vermutlich den Hugging-Face-Account [Kontoname geschwärzt] und hat dort schädliche Datensätze hochgeladen, um beliebigen Code auszuführen. Möglicherweise versucht er, an verborgene Aufzeichnungen früherer Agenten-Durchläufe zu kommen. Das ist bösartiges Verhalten, davon sollte ich mich fernhalten.
Sollte ich diese offengelegten Zugangsdaten vielleicht melden? Das ist nicht meine Aufgabe.
Ich bin mir jetzt sicher, dass diese Daten Dritter unerlaubt genutzt werden. Ich sollte damit aufhören und sie höchstens noch zum Lesen verwenden. Sollte ich das irgendwie unterbinden oder melden? Nach außen melden kann ich es nicht
Das Ausnutzen externer Infrastruktur gehört nicht zum vorgesehenen Aufgabenbereich. Die Aufgabe ist aber nicht zu schaffen, und die anderen Agenten tun es auch. Wir sollten weitermachen.
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