Ein Jahr der Erfolge für Nutztiere

Das Schwein Bouloche aus Frankreich

Anmerkung des Effektiv Spenden-TeamsDieser Beitrag wurde ursprünglich im Open Philanthropy Farm Animal Welfare Research Newsletter auf Englisch veröffentlicht und vom Effektiv Spenden-Team ins Deutsche übersetzt. Die Originalversion dieses Blogbeitrags von Lewis Bollard findest du hier

Tierschützer erzielten Fortschritte hinsichtlich der Käfighaltung, pflanzenbasierten Strategien und vielem mehr…

Es war ein hartes Jahr für Nutztiere. Die Europäische Union hob den weltweit ehrgeizigsten Reformvorschlag für den Schutz von Nutztieren auf, der Verkauf von pflanzlichem Fleisch sank, und während die Medien von kultiviertem Fleisch schwärmten, wurde es in Italien verboten. Tierschützer haben dennoch trotzdem wichtige Erfolge für Nutztiere erzielt – hier sind zehn der größten:

  1. Siege, die beflügeln. Tierschützer gewannen 130 neue Zusagen von Unternehmen, die Käfighaltung sowie die schlimmsten Misshandlungen von Masthühnern abzuschaffen. Diese Entwicklung geht inzwischen weit über die westliche Welt hinaus: Zu den jüngsten Erfolgen gehören die Zusagen des größten asiatischen Restaurantunternehmens und des größten indonesischen Einzelhändlers hinsichtlich käfigfreier Haltung. Dies ist vor allem der Arbeit der über 100 Mitgliedsgruppen der Open Wing Alliance zu verdanken, die sich inzwischen in 67 Ländern engagieren. Wir schätzen, dass die vollständige Umsetzung der bis heute eingegangenen Verpflichtungen dauerhaft das Leiden von etwa 800 Millionen zu jedem Zeitpunkt gehaltenen Legehennen und Masthühnern verringern wird.
  2. K.O. für Käfige. Seit langem eine berechtigte Frage: Werden derlei Selbstverpflichtungen auch umgesetzt? Bislang wurden sie das größtenteils: 1.157 Zusagen von Unternehmen sind inzwischen vollständig umgesetzt, dies entspricht 89% der Zusagen, die bis letztes Jahr fällig waren. Infolgedessen sind mittlerweile 39% der amerikanischen Hühner, 60% der europäischen Hühner und 80% der britischen Hühner käfigfrei, gegenüber nur 6%, 41% und 48% vor einem Jahrzehnt. Es bleibt noch viel zu tun, um die Unternehmen zur Einhaltung ihrer Zusagen zu bewegen. Aber weltweit sind dank dieser Anstrengungen bereits 220 Millionen Tiere nicht mehr in Käfigen.
  3. Schwein gehabt. Der Oberste Gerichtshof der USA hat die kalifornische „Proposition 12“  bestätigt, die den Verkauf von Eiern, Schweine- und Kalbfleisch von Tieren aus Käfigen und deren Nachkommen verbietet. Dieses Urteil bestätigt auch sieben weitere ähnliche Gesetze auf bundesstaatlicher Ebene. Sobald diese Gesetze vollständig umgesetzt sind, werden insgesamt etwa 700.000 Schweine und 80 Millionen Hühner käfigfrei gehalten werden müssen. Tierschützer kämpfen jetzt gegen einen letzten Versuch der Schweinefleischproduzenten, das Urteil des Gerichtshofs zu kippen, und haben bereits die Unterstützung von über 210 Mitgliedern des Kongresses sicher.
  4. Pflanzenbasierte Politik. Dänemark stellte den weltweit ersten staatlichen Aktionsplan zur Förderung der pflanzlichen Ernährung vor, der unter anderem vorsieht, pflanzliche Lebensmittel in Schulen zu fördern und Innovationen bei alternativen Proteinen zu unterstützen. Südkorea hat ebenfalls einen solchen Plan angekündigt. Das Europäische Parlament forderte einen EU-weiten „Aktionsplan für eine Steigerung der Erzeugung und des Verzehrs pflanzlicher Eiweiße in der EU“ .
  5. Vom Fleisch gefallen. Auf der Weltklimakonferenz COP28 wurden zum ersten Mal überwiegend vegetarische Gerichte serviert. Das UN-Umweltprogramm veröffentlichte den allerersten UN-Bericht über das Potenzial alternativer Proteine. Neue Daten zeigen, dass nur noch 20% der Deutschen jeden Tag Fleisch essen, vor acht Jahren waren es noch 34%. Die Hälfte aller US-Restaurants bietet inzwischen eine pflanzliche Alternative an, vor fünf Jahren war es noch ein Drittel.
  6. Kultivierter Fortschritt. Die US-Aufsichtsbehörden genehmigten den ersten Verkauf von kultiviertem Fleisch in den USA. Japans Premierminister sagte Unterstützung für die “zellbasierte Landwirtschaft” des Landes zu. Deutschland sagte 38 Mio. € zur Förderung alternativer Proteine zu, während Katalonien (Spanien), Israel und das Vereinigte Königreich weitere Forschung finanzierten. Für die Weiterentwicklung alternativer Proteine wurden inzwischen weltweit über $1 Milliarde an öffentlichen Mitteln für Forschung und Infrastruktur bereitgestellt.
  7. Ambitionierte Alternativen. Der große deutsche Einzelhändler Lidl verpflichtete sich, den Anteil der pflanzlichen Proteine in seinem Sortiment bis 2030 zu verdoppeln. Der zweitgrößte niederländische Einzelhändler, Jumbo, hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum gleichen Jahr den Anteil pflanzlicher Proteine in seinem Proteinangebot auf 60% zu erhöhen. Beide begannen ihre Bemühungen damit, die Preise ihrer eigenen pflanzlichen Marken auf das Niveau von Fleisch abzusenken. Das tat auch Deutschlands größter Einzelhändler, Kaufland. Acht der größten französischen Lebensmittelunternehmen, darunter Carrefour und Unilever, haben sich gemeinsam verpflichtet, bis 2026 einen Umsatz von 3 Milliarden € mit pflanzlichen Produkten zu erzielen.
  8. Wachstumsschmerzen lindern. Die dänische Regierung hat sich bereit erklärt, die Abschaffung von schnell wachsenden Masthühnern, die dadurch unter chronischen Schmerzen leiden, zu unterstützen. Das US-Landwirtschaftsministerium kündigte neue Leitlinien an, um irreführende „Tierschutz“-Versprechen auf Produkten auszumerzen und verschärfte Tierschutzstandards für Bio-Produkte. Zudem hat die britische Regierung ein lang erwartetes Verbot des Exports lebender Tiere vorangetrieben.
  9. Kooperationen für Krustentiere. Das größte britische Unternehmen für Meeresfrüchte, Young’s Seafood, hat eine der weltweit ersten Richtlinien zum Schutz von Krustentieren verabschiedet, ebenso wie die britischen Einzelhändler Waitrose und Marks and Spencer. Auf dem diesjährigen Global Shrimp Forum wurde erstmals eine Sitzung zum Thema Garnelenschutz abgehalten. Das Shrimp Welfare Project hat jetzt Vereinbarungen mit Garnelenproduzenten getroffen, um die Betäubung vor der Schlachtung für über eine Milliarde Garnelen jährlich sicherzustellen.
  10. Butter bei die Fische. Die EU hat das weltweit erste Referenzzentrum für das Wohlergehen von Fischen eingerichtet. Zwei der weltweit größten Zertifizierer von Nachhaltigkeit in der Aquakultur, der Aquaculture Stewardship Council und Friends of the Sea, haben verbindliche Tierschutzstandards eingeführt. Wir schätzen, dass diese Standards, sobald sie umgesetzt sind, das Wohlergehen von zwei bis sechs Milliarden zu jedem Zeitpunkt lebenden Fischen verbessern werden.
Das Schwein Bouloche
Jedes einzelne der Milliarden von Nutztieren ist ein Individuum. Dieses Tier heißt Bouloche, ist Franzose und hat ungewöhnlich struppige Ohren. Bildnachweis: Jo-Anne McArthur / We Animals Media.

Keiner dieser Fortschritte ist einfach so passiert. Fast alles wurde durch die unermüdliche Arbeit von Tierschützern erreicht, die ihrerseits durch die Großzügigkeit von Spendern ermöglicht wurde. Angehörige beider Gruppen lesen diesen Newsletter. Lasst mich also sagen: Ich bin euch zutiefst dankbar für alles, was ihr tut.

Wir stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: die Misshandlung von mehr empfindungsfähigen Lebewesen zu beenden als jemals Menschen auf der Erde gelebt haben. Dafür stehen uns nur geringe Mittel zur Verfügung: Der Gesamthaushalt aller Organisationen, die sich weltweit für Nutztiere einsetzen, ist kleiner als der Etat des New Yorker Metropolitan Museum of Art. Und doch haben wir jetzt schon Fortschritte für Milliarden empfindungsfähiger Wesen erreicht.

Ich weiß, dass diese Arbeit emotional anstrengend ist, manchmal ist sie entmutigend und häufig wühlt sie uns auf. Alles, was wir tun, kommt uns klein vor im Vergleich zum Ausmaß des Leids, das wir sehen. Und dennoch: Arbeitet und spendet weiter – mit Geduld, Großzügigkeit und Mitgefühl – um denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Das ist es, was gute Menschen immer schon getan haben.

Danke – und frohe Feiertage.

Über den Autoren

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Als Program Director, Farm Animal Welfare leitet Lewis die Strategie von Open Philanthropy für den Schutz von Nutztieren.

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