Bewegung bei deutschen Stiftungen?

Wirkung Impact

Auf LinkedIn bin ich kürzlich auf einen Bericht vom Deutschen Stiftungstag 2024 in Hannover gestoßen. Auf einem Stiftungstag versammeln sich viele Stiftungen und tauschen sich aus. Anschließend tanzen sie eine Polonaise. Das hat mich an einen Artikel erinnert, den ich bereits 2014 geschrieben habe. Auch wenn ich der Stiftungsszene bereits seit einigen Jahren nicht mehr angehöre, befürchte ich, dass einige meiner Beobachtungen weiterhin gültig sind. Das betrifft auch den Abschlussball, den ich damals lediglich als Metapher verwendet hatte. Dass er nun tatsächlich Realität werden würde – und vor allem in dieser Form – hätte ich nicht für möglich gehalten.

Wer bereits einige Zeit im Stiftungsbereich unterwegs war und zusammenzufassen soll, was diese sehr spezielle Szene ausmacht, dem werden Begriffe wie innovativ, fokussiert, umsetzungsstark und kontrovers wahrscheinlich nicht weiterhelfen. Das ist bedauerlich, da schon die Ausgangssituation – den Zwängen wirtschaftlichen Erfolges enthoben und nur dem Gemeinnutzen verpflichtet – doch hervorragende Voraussetzungen bieten könnte, um mutig, entschieden und zielführend nach neuen Lösungen für drängende Probleme zu suchen.

Ein langjähriger Kenner des sozialen Sektors fasst seinen Eindruck so zusammen: Die Stiftungen befänden sich in einer „Dankbarkeitsspirale“. Umgeben von Menschen und Initiativen, die dankbar seien für jedwede finanzielle Zuwendung (und sei sie noch so medioker), erlägen Stiftungen der Autosuggestion, qua Förderung – egal an wen – bereits einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der Zukunftsprobleme geleistet zu haben.

Der Begriff Stiftung ist in Deutschland ohnehin ausschließlich positiv besetzt. Dies hängt mit der verbreiteten Auffassung zusammen, dass Stifter qua definitionem immer „Gutes“ tun. Dass der Stifter sein wohlverdientes Geld einsetzen könne, wo er wolle. Und wenn es dann auch noch für einen gemeinnützigen Zweck sei, dann solle der Bürger sich – bitte schön! – in stiller Dankbarkeit üben. Gerne übersehen wird hier allerdings, dass das eingesetzte Stiftergeld in der Regel von der Steuer abgesetzt und damit dem allgemeinen Steueraufkommen entzogen wird. Was nichts anderes bedeutet, als dass die zur Dankbarkeit ermahnten Bürger tatsächlich die Hälfte des Einsatzes übernommen haben. Allerdings ohne je gefragt worden zu sein.

Bedauerlicherweise wird dieser Sachverhalt nicht nur von Bürgern übersehen. Ein Journalist fragte unlängst in einem Hintergrundgespräch die Geschäftsführung einer bedeutenden deutschen Stiftung, wie hoch der steuerfinanzierte Anteil der von ihr eingesetzten Gelder sei. Die Geschäftsführung blieb die Antwort schuldig. Sie wusste es schlichtweg nicht.

Zurück zur Autosuggestion. Ein Beratungsunternehmen mit Expertise im Non-Profit-Sektor hat für interne Zwecke eine Vielzahl von Stiftungen nach ihrer Förderstrategie befragt. Das Zustandekommen von Förderung, so das Ergebnis der Umfrage, sei vielfach davon abhängig, dass zum richtigen Zeitpunkt bei der Stiftung das Telefon klingele, die Anfrage in angemessener Form vorgetragen werde und bei der Stiftung noch Mittel vorhanden seien.

Eine Stiftung, die in dieser Weise passiv-opportunistisch statt aktiv-strategisch fördert, ist sich im Akt des Förderns selbst genug. Ihre Existenzberechtigung bezieht sie aus dem Umstand, dass sie existiert. Wer so agiert, hat in dem Augenblick, in dem er seine Aufgaben definiert, bereits seine Ziele erreicht. Er muss sich an nichts mehr messen, denn er selbst ist das Maß.

Dieser Eindruck kann sich bei mancherlei Stiftungs-Veranstaltung vertiefen: Statt leidenschaftlichem Ringen um die wirksamsten Lösungen werden höfische Tänze im Spiegelsaal dargeboten. Die Schrittfolge ist festgelegt. Mit elegantem Schwung und in bestem Einvernehmen mit sich und der Welt geht es einen Trippelschritt nach vorne und zwei zurück. Dazu werden feine Häppchen gereicht.

Auch wenn ihm persönlich der Volkstanz näher ist: Der Bürger fühlt sich beschenkt von so viel Aufmerksamkeit, die seinen einfachen Verhältnissen im vornehmen Diskurs zuteil wird. Was ihm in seiner dankbaren Demut allerdings nicht bewusst ist: Er zahlt die Zeche!

(ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel „Allemande – Courante – Gigue“ auf dem Blog der Benckiser Stiftung Zukunft, 30.12.2014) 

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