Derzeit werden in der Europäischen Union rund 300 Millionen sogenannte Nutztiere in Käfigen gehalten. Als drittgrößter Fleischproduzent der Welt steht die EU für etwa 8 % aller weltweit geschlachteten Landtiere. Im Jahr 2023 hielten europäische Betriebe 74 Millionen Rinder, 133 Millionen Schweine, 68 Millionen Schafe und Ziegen sowie mehrere Milliarden Vögel. Neben dem Eigenverbrauch spielt die EU auch im internationalen Handel eine bedeutende Rolle: Zwischen 2017 und 2021 wurden 1,6 Milliarden lebende Tiere innerhalb der Mitgliedstaaten sowie in Länder außerhalb der EU transportiert.
Heute steht die EU am Rande einer historischen Chance, ihre Tierschutzgesetzgebung zur fortschrittlichsten der Welt zu machen. Nach einer verpassten Gelegenheit Ende 2023 hat sich nun ein neues politisches Zeitfenster für weitreichende Reformen geöffnet – darunter die Abschaffung der Käfighaltung und das Verbot der systematischen Tötung von Hühner- und Entenküken.
Tierschutzorganisationen in ganz Europa mobilisieren, um diese Herausforderung zu meistern. Sie sind auf verschiedenen Ebenen aktiv – in Brüssel und in ihren Heimatländern – über die Eurogroup for Animals und in ad-hoc-Koalitionen. Mehrere Kampagnen üben Druck auf die europäischen Institutionen aus, um ehrgeizige Gesetze voranzutreiben, z. B. #ForwardForAnimals (geführt von der Eurogroup for Animals) und Uncage The Law (koordiniert von L214 mit acht Partnerorganisationen).
Angesichts begrenzter Ressourcen, des enormen Ausmaßes der Herausforderung und des engen Zeitrahmens muss die Bewegung strategisch denken und entschlossen handeln.
Der Weg zur Reform
Der Weg der EU hin zu einem nachhaltigeren und ethischeren Ernährungssystem erzählt eine Geschichte von beispielloser Bürgerbeteiligung und anfänglichen politischen Zusagen – gefolgt von unerwarteten Verzögerungen und verpassten Fristen. Diese Chronologie zeigt, wie eine historische Gelegenheit trotz überwältigender öffentlicher Unterstützung ins Stocken geraten ist.
September 2018
Kampagnenstart „End the Cage Age”: Diese Europäische Bürgerinitiative vereint über 100 Organisationen mit dem Ziel, die Käfighaltung in der EU zu beenden. Bürgerinitiativen (ECIs) ermöglichen es EU-Bürger*innen, Gesetzesänderungen bei der Europäischen Kommission vorzuschlagen, wenn sie mindestens eine Million Unterschriften aus den Mitgliedstaaten sammeln.
Dezember 2019
Vorstellung des Europäischen Grünen Deals: Die Europäische Kommission präsentiert einen ehrgeizigen Fahrplan für Klimaneutralität bis 2050 und den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft. Ein zentraler Bestandteil dieser Vision ist die „Farm-to-Fork”-Strategie.
Mai 2020
Start der „Farm-to-Fork”-Strategie: Umfassende Reform des Ernährungssystems mit Zielen wie Pestizidreduktion, Ausbau des ökologischen Landbaus und Verbesserung des Tierschutzes.
Oktober 2020
1,4 Millionen Unterschriften: „End the Cage Age” wird zu einer der erfolgreichsten Bürgerinitiativen Europas und zeigt beispiellose öffentliche Unterstützung für Tierschutzreformen.
April 2021
Anhörung im Parlament: Organisator*innen der Kampagne stellen ihren Fall öffentlich im Europäischen Parlament vor.
Juni 2021
Parlament unterstützt Käfigverbot: Das Europäische Parlament verabschiedet eine Resolution, die das schrittweise Ende der Käfighaltung befürwortet und Gesetzesinitiativen fordert.
Verpflichtung der Kommission: Als Reaktion auf die ECI verpflichtet sich die Europäische Kommission, bis Ende 2023 einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, um die Käfighaltung bis 2027 auslaufen zu lassen.
Sommer 2023
Warnsignale: Gerüchte kursieren, dass die Überarbeitung der Tierschutzgesetze verschoben oder von der Agenda gestrichen werden könnte.
September 2023
Leerstelle im Arbeitsprogramm: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erwähnt die Tierschutzreform nicht im Arbeitsprogramm 2024 – Spekulationen über schwindenden politischen Willen nehmen zu.
März 2024
Rechtliche Schritte: Tierschutzorganisationen verklagen die Europäische Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof – die erste Klage wegen Untätigkeit bei einer erfolgreichen ECI.
Januar 2024
Beginn des Strategischen Dialogs: Parallel dazu startet die Europäische Kommission Gespräche mit 29 Vertreter*innen aus Landwirtschaft, NGOs, Finanzwesen und Wissenschaft über die Zukunft der europäischen Landwirtschaft.
Februar 2025
Neue Vision entsteht: Der Strategische Dialog veröffentlicht die „Vision für Landwirtschaft und Ernährung”. Sie betont die Notwendigkeit gesetzlicher Reformen, will die Wettbewerbsfähigkeit und Fairness der europäischen Lebensmittelproduktion verbessern und umfasst auch die Überarbeitung der Tierschutzgesetze – einschließlich des Ausstiegs aus der Käfighaltung und der Angleichung von Standards für importierte Produkte.
Juni–Juli 2025
Sondierung: Öffentliche und wissenschaftliche Beiträge werden gesammelt, um die Modernisierung der Tierschutzgesetze vorzubereiten. Es wurden 690 Antworten eingereicht.
September 2025
Start der öffentlichen Konsultation – Abschluss am Freitag, 12. Dezember 2025. Interessengruppen und Bürger*innen können ihre Ansichten, Erfahrungen und Perspektiven zu den erwarteten Gesetzesänderungen in einem detaillierten Fragebogen teilen.
Herausforderungen und Empfehlungen
Die europäische Tierschutzbewegung tritt in eine entscheidende Phase ein. Trotz politischer Hindernisse wächst die Dynamik, den Tierschutz als zentrales Anliegen der europäischen Politik zu verankern.
Durch verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit, strategische Anpassungen und eine Kultur der Kooperation kann die Bewegung ihre Vielfalt in eine Quelle von Stärke und Effektivität verwandeln.
Die Verknüpfung des Tierschutzes mit Themen wie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit ermöglicht es, breitere gesellschaftliche Prioritäten anzusprechen. Politische Gelegenheitsfenster – etwa die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) – schaffen konkrete Chancen für dauerhafte Veränderungen.
Gleichzeitig ebnen stärkere politische Vertretung, größere Transparenz und Bürgerbeteiligung den Weg zu verantwortungsvolleren Entscheidungen. Durch kreative Allianzen mit Politiker*innen, Medien und fortschrittlichen Landwirt*innen ist die Bewegung gut aufgestellt, um ihren Einfluss auszuweiten, ihre Botschaft zu verstärken und echte Fortschritte für Tiere in Europa und darüber hinaus zu erzielen.
Nächste Schritte
Nach den letzten Wahlen sind Europäische Kommission und Parlament konservativer als vor vier Jahren, doch es gibt positive Signale: Eine neue Runde beginnt für die europäischen Tierschutzakteure.
Die Einsätze sind immens – es geht um die Zukunft der landwirtschaftlich genutzten Tiere, ökologische Nachhaltigkeit, öffentliche Gesundheit und demokratische Rechenschaftspflicht.
Die meisten Tierschutzorganisationen in der EU arbeiten mit sehr begrenzten Budgets, und nur ein kleiner Teil davon fließt in politische Lobbyarbeit – obwohl gerade hier Veränderungen für Milliarden Tiere möglich sind. Mit der richtigen Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt können Reformen erreicht werden, für die sich die Gelegenheit vielleicht jahrzehntelang nicht wiederholt.
Deshalb zählt jede Spende – sie gibt den Tieren dort eine stärkere Stimme, wo Entscheidungen getroffen werden.
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