Zu einer der ersten Spenden meines Lebens kam es im Rahmen einer Kinderpatenschaft. Wie Millionen anderer Menschen auf der ganzen Welt war ich von der Idee fasziniert, einem konkreten Menschen zu helfen. Daher beschloss ich, zusammen mit meiner Mutter, einen Teil meines Taschengeldes zu nutzen, um den kleinen Welderufael Zeru aus Eritrea zu unterstützen. Die Chance, einem in bitterer Armut aufwachsenden Kind ein besseres Leben zu ermöglichen, hat mich fasziniert.
Das ist heute nicht anders. Doch im Gegensatz zu früher sehe ich die Form der Kinderpatenschaft inzwischen sehr kritisch. Im besten Fall ist es Etikettenschwindel, im schlimmsten Fall eine hochgradig uneffektive oder sogar kontraproduktive Art der Entwicklungshilfe.
Das sieht auch die Organisation terre des hommes so, welche sich bereits 1975 dafür entschieden hat, derartige Patenschaftsprogramme einzustellen. Dies wurde vor allem damit begründet, dass…
- „eine Patenschaft Einzelfallhilfe ist, die sich nicht mit den Ursachen von Armut und Entwicklungsproblemen auseinandersetzt,
- Patenschaften Kinder isolieren und Neid erzeugen,
- Kinder im Rahmen von Patenschaften in Heimen untergebracht und damit familiäre und soziale Strukturen zerstört würden,
- Patenschaften einen hohen Verwaltungsaufwand verursachen und damit teuer sind.”
Diese Kritik scheint nachvollziehbar und, wenn man sich Webseiten von Organisationen wie der Compassion Stiftung anschaut, liegt der Verdacht nahe, dass sie genauso auch tatsächlich zutrifft.

Wie man es von Amazon und Co. kennt, kann man dort mit Hilfe diverser Filter hunderte potentieller Patenkinder nach Geschlecht, Herkunft und Alter sortieren. Tritt das Wunschkind dann noch immer nicht zu Tage, hilft vielleicht ein Klick auf den „Mehr Kinder anzeigen”-Button…
Als zusätzlicher Anreiz ist das Bild eines jeden Kindes noch mit der Anzahl der Tage versehen, seitdem es auf einen Paten wartet. Wenn man sich dann für ein Kind entschieden hat, wird man mit dem Satz „Mit 30 € pro Monat können Sie Karla [Name des Kindes] aus der Armut befreien!“ zu einer entsprechenden Spende aufgefordert. Es bietet sich also an, zu glauben, dass man mit seiner Gabe tatsächlich und ganz konkret Karla von der Warteliste nimmt und dass sie und nicht der kleine Anderson unterstützt wird. Diese „katalogartige Werbung” wurde bereits 2005 in der Studie „Die öffentliche Darstellung von Kinderpatenschaften” von der Universität Erlangen Nürnberg kritisiert. Dennoch findet sie sich, zumindest in Ansätzen, nach wie vor auch bei den großen und bekannten Hilfswerken wie World Vision oder Plan International, die es potentiellen Paten ebenfalls ermöglichen, Kinder nach Geschlecht und Herkunft zu filtern. Insofern scheinen die von terre des hommes geäußerten Befürchtungen, es würde sich um Einzelfallhilfe handeln, die zu Neid und hohem Verwaltungsaufwand führen würde, durchaus relevant.
Glücklicherweise ist dem nicht so. Wie in praktisch allen Fällen von zweckgebundenen Spenden handelt es sich auch im Fall von Kinderpatenschaften um eine Illusion bzw. um irreführendes Marketing. Sobald man sich das Kleingedruckte anschaut, wird schnell klar, dass z.B. World Vision tatsächlich keine Einzelfallhilfe durchführt, sondern „Projektarbeit im Umfeld des Patenkindes”. Natürlich werden die auf den Fotos zu sehenden Kinder auch nicht erst dann gefördert, wenn sich eine Patin findet. Sie profitieren selbstverständlich längst von besagter Projektarbeit. Es ist ja nicht so, dass die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in ein Dorf fahren, dort Fotos der Kinder machen und erst dann wiederkehren, wenn sie, potentiell Monate später, genügend Paten gefunden haben, oder gar dass sie erst dann nach und nach damit beginnen, einzelne Kinder zu betreuen.
Wenn Organisationen, die mit Kinderpatenschaften werben, im Endeffekt aber auch nichts anderes machen als Initiativen, die in ihrer Außendarstellung weniger Potenzial für Missverständnisse bieten, ist die Frage erlaubt, wie viel man dort mit seiner Spende wirklich bewirkt. Wir von effektiv-spenden.org glauben, dass selbst die Hilfsorganisationen, die Patenschaften vermitteln und im Endeffekt gute Projektarbeit leisten, dennoch nicht zu den wirkungsvollsten zählen. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft gibt es nämlich auch innerhalb der Entwicklungshilfe Maßnahmen, die deutlich kosteneffektiver sind als andere. Daher können Initiativen, die sich auf diese Ansätze konzentrieren, auch mehr Hilfe für jeden gespendeten Euro leisten. Beispiele hierfür sind Programme, bei denen Schulkinder für weniger als einen Euro pro Jahr von Würmern befreit, oder für weniger als sieben Euro während der kompletten Regenzeit durch prophylaktische Medikamente vor Malaria geschützt werden. Unterstützt man mit seiner Spende Hilfsorganisationen, die in diesen Bereichen tätig sind, kann man mit seiner Spende also deutlich mehr Kindern eine Chance auf die Zukunft bieten, und das ist es, worum es uns geht.
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