Katastrophen­hilfe: Eine kritische Betrachtung

Nichts beeinflusst das kurzfristige Spendenverhalten mehr als medial präsente Naturkatastrophen. Diese können innerhalb kürzester Zeit eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft auslösen und zu Spenden in Milliardenhöhe führen.

Die Freude über diese Großzügigkeit kann jedoch schnell Ernüchterung weichen, fängt man an, sich genauer mit der Kosteneffektivität der Katastrophenhilfe zu beschäftigen. Zu oft führt der akute Wunsch zu helfen in einem hochgradig politischen und emotionalen Umfeld dazu, dass auch weniger sinnvolle Maßnahmen umgesetzt werden. So kam schon 2006 ein über 1.000seitiger, von der Weltbank herausgegebener Bericht zu dem Schluss, dass „die Katastrophenhilfe zu einer der am wenigsten kosteneffektiven […] Aktivitäten” zählt. Als Beleg für diese Aussage werden zahlreiche Beispiele wie dieses angeführt:

Das Zeitfenster, um Leben zu retten, ist deutlich kleiner als sich Hilfsorganisationen eingestehen. Innerhalb weniger Wochen, wenn nicht Tage, schwenkt die Sorge sowohl der Bevölkerung, als auch der Behörden von Such- und Rettungsaktionen […] zur Wiederherstellung der Infrastruktur […] Nach dem Tsunami in 2004 waren die Opfer in Banda Aceh, Indonesien, darauf aus zur Normalität zurückzukehren, während externe medizinische Nothelfer noch immer in großer Zahl ankamen.

Rettungsmaßnahmen im Rahmen des Erdbeben in Bam (Iran), durch welches 2003 mehr als 26.000 Menschen starben, werden im gleichen Bericht wie folgt kommentiert:

Die internationale Gemeinschaft hat ca. 10,5 Millionen Dollar für die Errichtung von schätzungsweise 10 mobilen Kliniken ausgegeben, welche zwischen 2 und 5 Tagen nach dem Beben angekommen sind, lange nachdem die letzten Opfer in andere iranische Provinzen evakuiert wurden […]. Im Fall von Bam, Iran, wurden die Kosten für den Wiederaufbau sämtlicher primärer und sekundärer Gesundheitseinrichtungen sowie der Lehranstalten von der iranischen Regierung auf 10,75 Millionen Dollar geschätzt, ein Betrag, der dem, welcher von der internationalen Gemeinschaft für die Errichtung von mobilen Kliniken ausgegeben wurde, sehr ähnelt.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen sieht gerade bei Katastrophen, denen ein besonders hohes Maß an medialer Aufmerksamkeit zuteil wird, mangelnde Koordination unter den Hilfsorganisationen als eines der Probleme. So hätten sich nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 innerhalb kürzester Zeit mehr als 2.000 Organisationen an den Hilfsmaßnahmen beteiligt. Doppelarbeit und unnötiger Wettbewerb zwischen den Akteuren war unvermeidbar. Da viele in dem ihnen unbekannten Land nicht unabhängig arbeiten konnten, waren sie auf logistische Unterstützung von Mitarbeiterinnen der Vereinten Nationen angewiesen, was deren ohnehin begrenzte Ressourcen weiter belastete.

Insofern scheint es wichtig, im Fall einer Katastrophe mit seiner Spenden erfahrene Profis zu unterstützen – Profis, die offen darüber sprechen, wenn sie weitere Mittel nicht mehr sinnvoll verwenden können, und die zur Not auch bereit sind, dem Spender seine Mittel zurückzuerstatten. So hat es Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel 2005 und 2011 gemacht.

Wem es aber wirklich darum geht, mit seiner Spende die größtmögliche Wirkung zu erzielen und so vielen Menschen wie möglich zu helfen, sollte sich den medial vernachlässigten Katastrophen zuwenden. So sterben nach wie vor jeden Tag fast 1.000 Kleinkinder an Malaria, und über eine Milliarde Menschen auf der Welt sind mit Würmern infiziert. Diesen Herausforderungen kann man mit bewährten Maßnahmen entgegentreten, deren hohe Wirksamkeit durch anerkannte wissenschaftliche Studien belegt ist und die außerordentlich kosteneffektiv sind. Eine weitere Möglichkeit ist es, Menschen, die in extremer Armut leben, mit direkten Geldtransfers zu unterstützen. Dieser Ansatz, der zunehmend auch in der Katastrophenhilfe eingesetzt wird, überlässt die Entscheidung, was am dringendsten benötigt wird, nicht den internationalen Organisationen, sondern den Betroffenen.

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