GiveWell – Wie wir arbeiten: Kosteneffektivität

Kosteneffektivität ist im Allgemeinen der
wichtigste Faktor für unsere Empfehlungen

Anmerkung des Effektiv Spenden-Teams: Dieser Beitrag ist der erste in einer mehrteiligen Serie, die sich mit der Arbeitsweise von GiveWell und den von ihnen unterstützten Organisationen und Projekten befasst. Die Artikel wurden ursprünglich auf dem GiveWell-Blog auf Englisch veröffentlicht und vom Effektiv Spenden-Team ins Deutsche übersetzt. Wir freuen uns, auf diese Weise ein besseres Verständnis für die Forschung und Entscheidungsfindung unseres Gutachters GiveWell vermitteln zu können. 

Die Originalversion dieses Blogbeitrags von Isabel Arjmand findest du hier

Warum Kosteneffektivität wichtig ist

Die Kernfrage, die wir (d.h. GiveWell) in unserer Forschung zu beantworten versuchen, lautet: Wie viel Gutes kann man tun, wenn man für ein bestimmtes Programm spendet?

Stell dir den Unterschied zwischen einer Spende an ein Programm vor, das für $50.000 ein Leben retten kann, und einer Spende an ein Programm, das mit $5.000 ein Leben rettet. (Das ist in etwa der Betrag, den wir für unsere besten Hilfsorganisationen schätzen). Eine Spende für das zweite Programm hätte eine 10-mal größere Wirkung. 

In einer perfekten Welt würden zwar beide Programme gefördert. Wir konzentrieren uns aber darauf, die kosteneffektivsten Programme zu ermitteln, damit die begrenzten Mittel, die tatsächlich zur Verfügung stehen, die größte Wirkung erzielen können.

Die Grundlagen

Wir haben hier unseren Ansatz der Kostenwirksamkeitsanalyse und seine Grenzen ausführlich beschrieben. Unsere Schätzungen enthalten immer Unsicherheit, und wir erwarten nicht, dass sie exakt sind. Gleichzeitig helfen sie uns, Programme miteinander zu vergleichen, so dass wir die Mittel dorthin lenken können, wo wir glauben, dass sie die größte Wirkung haben.

Die Bewertung der Kostenwirksamkeit beinhaltet in der Regel die Berücksichtigung von:

  • den Kosten pro erreichter Person. Wie viel kostet es beispielsweise, ein Kind ein Jahr lang mit Vitamin A zu versorgen?
  • den Ergebnissen des Programms. Um diese zu bestimmen, müssen häufig zwei Faktoren untersucht werden:
    • Die (Krankheits-) Last eines Problems. Also zum Beispiel, wie viele Kinder, die mit Vitamin-A-Nahrungsergänzungsmitteln erreicht werden, wären sonst gestorben?[1]
    • Die Wirkung des Programms. Wie stark senken Vitamin-A-Nahrungsergänzungsmittel die Sterblichkeitsrate im Vergleich zur Ausgangslage? Gibt es weitere Vorteile der Vitamin-A-Versorgung?

Wir verwenden bedingungslose Geldtransfers als Maßstab für den Vergleich von Interventionen, so dass ein Programm als „12x Geldtransfers“ eingeschätzt wird, wenn wir glauben, dass es pro $1 eine zwölf Mal größere Wirkung hat als eine direkte Geldspende an Menschen, die in Armut leben. Mit anderen Worten: Wenn wir ein Programm als „12x Cash“ einschätzen, sind wir der Meinung, dass eine Spende von $100 an dieses Programm genauso viel bewirkt wie eine Spende von $1.200 an ein Programm, das bedingungslose Geldtransfers durchführt.

Mehr Details

Wir bemühen uns immer um eine ganzheitliche Sichtweise, die eine Vielzahl komplexer Faktoren und Ermessensentscheidungen einbezieht. Die Evidenz, auf die wir uns stützen, ist unterschiedlich stark. Sie ist immer unvollkommen und unsere Schlussfolgerungen sind daher unsere besten Annahmen und keine absoluten Fakten. (Mehr zu Ermessensentscheidungen und Unsicherheit in einem späteren Beitrag).

Für unsere wichtigsten Hilfsorganisationen umfassen unsere Kostenwirksamkeitsanalysen Dutzende von Parametern und Annahmen. Bei der Erstellung dieser Analysen stellen wir Fragen wie:

  • Wie gut lassen sich die Studienergebnisse auf einen anderen Zeitpunkt und ein anderes Umfeld übertragen? (Das heißt, wie hoch ist die externe Validität der Erkenntnisse?) Wie hoch ist zum Beispiel das derzeitige Niveau der Insektizidresistenz im Vergleich zu den Studienbedingungen, und wie wirkt sich dies auf die Wirksamkeit von Moskitonetzen zum Schutz vor Malaria aus?[2]
  • Erhalten die Menschen auch ohne unsere Unterstützung bereits Zugang zum entsprechenden Programm? Wie viele Kinder, die durch eine kürzliche Spende an Helen Keller Intl erreicht werden, würden beispielsweise auch außerhalb des Programms eine Vitamin-A-Ergänzung erhalten?[3]
  • Wie wirkt es sich auf die Ausgaben anderer Geldgeber aus, wenn wir eine Maßnahme finanzieren, z. B. mit Insektiziden behandelte Malarianetze? Hätten sie dieses Programm finanziert, wenn wir es nicht getan hätten? Wenn wir sie dazu bringen, mehr für dieses Programm auszugeben, wofür hätten sie sonst ihre Mittel verwendet?[4]
  • Wie wirkt sich die Finanzierung durch GiveWell auf die Maßnahmen der Regierungen in den Ländern aus, in denen wir Programme unterstützen? Wird zum Beispiel die Arbeit von Evidence Action zur Ausweitung von Syphilis-Tests während der Schwangerschaft erfolgreich an die Regierung übertragen werden? Würde die Regierung dieses Programm auch ohne die Arbeit von Evidence Action übernehmen, und wenn ja, in welchem Zeitrahmen?[5]
  • Welche Spillover-Effekte kann eine Intervention haben? Wenn zum Beispiel New Incentives die Impfraten erhöht, wie wirkt sich das auf die Krankheitsübertragung in der Bevölkerung aus?[6]
  • Wie viel ist die Abwendung eines Todesfalls im Vergleich zur Verdoppelung eines Einkommens wert?[7]

Wie viel Zeit wir einer Forschungsfrage widmen, hängt davon ab, wie viel zusätzliche Erkenntnis wir erwarten können und wie wichtig die Antwort für das Endergebnis ist. Viele Überlegungen fließen in das Hauptmodell ein, und wir nehmen zusätzliche Anpassungen für andere Faktoren vor, um zu einem Ergebnis zu gelangen.

Wir sind nicht von Natur aus risikoavers in unseren Beurteilungen – wir finanzieren die globalen Gesundheits- und Entwicklungsprogramme, die wir für die besten halten. Allerdings suchen wir nach einigermaßen robuster Evidenz, um etwas zu finanzieren. Nicht alles, was wir finanzieren, muss durch eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) belegt sein. Aber unser Ziel ist es, unseren Spendern dabei zu helfen, mit einem hohen Maß an Sicherheit zu spenden. Und für unsere Top Charities, bei denen wir den Spendern ein noch höheres Maß an Vertrauen in die Wirkung ihrer Spenden geben wollen, haben wir zusätzliche Kriterien. Mehr darüber erfährst Du hier.

Qualitative Überlegungen

Qualitative Faktoren, die nicht Teil unseres formalen quantitativen Modells sind, können unsere endgültigen Empfehlungen beeinflussen, insbesondere wenn wir zwischen mehreren Programmen mit ähnlicher Kosteneffizienz entscheiden müssen. Wir versuchen, so viele Faktoren wie möglich in unsere quantitativen Analysen einzubeziehen, stellen uns aber dennoch Fragen wie die folgenden: 

  • Hat diese Organisation eine solide Erfolgsbilanz? 
  • Gibt es Risiken in der Programmdurchführung, die wir nicht vollständig erfasst haben? 
  • Entspricht die Einschätzung letztlich unseren Überzeugungen, die möglicherweise relevante Informationen und Intuitionen beinhalten, die schwer zu quantifizieren sind? 

Wir können Förderprojekte empfehlen, die unserer Einschätzung nach knapp unterhalb unserer Kosteneffektivitätsschwelle liegen, wenn wir sie für qualitativ besonders überzeugend halten, und umgekehrt.

Ein kleiner Teil unserer Grants beruht auf qualitativen Überlegungen und nicht auf umfangreichen quantitativen Modellierungen. Zwei Beispiele hierfür sind diese Förderung für die Forschung zu Spillover-Effekten von direkten Geldtransfers und diese Förderung des Agency Fund. In diesen Fällen war der Antragsteller der Meinung, dass die erwartete Wirkung des Zuschusses die Kosten rechtfertigt, hat aber möglicherweise keine formale Analyse durchgeführt.

Weitergehende Lektüre

Einen tieferen Einblick in die Arbeit von GiveWell zur Kostenwirksamkeit findest du in den folgenden Materialien:

Dieser Überblick über die Kosten für die Rettung eines Lebens am Beispiel einer Verteilung von Moskitonetzen in Guinea durch die Against Malaria Foundation.

Noch einmal zusammengefasst

Unsere Kostenwirksamkeits-Modelle versuchen, so viele wichtige Überlegungen wie möglich einzubeziehen, und ein großer Teil unserer Forschungsarbeit ist der Entwicklung dieser Modelle und der Verfeinerung der Schlüsselparameter gewidmet.

Kosteneffektivität ist wichtig, weil wir versuchen, Spenden auf die Fördermöglichkeiten mit der größten Wirkung zu konzentrieren, die wir identifizieren können. Bei unserer derzeitigen Kosteneffektivitätsschwelle bedeutet das, dass wir Programme empfehlen, von denen wir glauben, dass sie pro Dollar mindestens zehnmal so viel bewirken wie bedingungslose Geldtransfers an Menschen in extremer Armut.

In zukünftigen Beiträgen werden wir mehr über die Details unserer Forschung und die Arten von Möglichkeiten, die wir finanzieren, berichten. Zögere bitte nicht, uns in der Zwischenzeit bei Fragen zu kontaktieren: info@givewell.org!

Über den Autoren

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GiveWell ist die führende Forschungsorganisation, die untersucht, welche Hilfsorganisationen in den Bereichen globale Gesundheit und Entwicklung pro Euro am meisten Leben retten oder verbessern.

Quellen

[1] ↑ Dieser Ansatz gilt nicht für jedes Programm. Bei einem Programm wie bedingungslosen Geldtransfer, bei denen ausgewählte Familien, die in Armut leben, Bargeld erhalten, ohne zusätzliche Bedingungen erfüllen zu müssen, könnte es sinnvoll sein, sich in erster Linie auf die Kosten pro Haushalt und die Auswirkungen auf jeden einzelnen Haushalt zu konzentrieren. Aber bei vielen von uns untersuchten Programme, wie z. B. bei Gesundheitsprogrammen, die auf eine gesamte Bevölkerung abzielen, in der nicht jeder von einer bestimmten Erkrankung betroffen ist, ist die Last der Erkrankung, die das Programm angeht, ein wichtiger Faktor.

[2] ↑ Wir haben unseren vollständigen Bericht über die Insektizidresistenz zuletzt im Jahr 2020 aktualisiert und forschen weiter daran. Diese Tabelle enthält unsere aktuellen Schätzungen zur Insektizidresistenz nach Land und Netztyp.

[3] ↑ In unserer Förderung von Helen Keller Intl im April 2023 für die Vitamin-A-Ergänzung in Madagaskar stellten wir fest, dass „eine kürzlich durchgeführte Umfrage schätzte, dass 44% der Kinder in den Gebieten, die Helen Keller Intl  zu unterstützen plant, Vitamin-A-Kapseln erhalten haben. Wir könnten die Kosteneffizienz über- oder unterschätzen, wenn entweder (a) die Unterstützung von Helen Keller Intl  in erster Linie dazu führt, dass Kinder erreicht werden, die ohne ihre Unterstützung keine Vitamin-A-Kapseln erhalten hätten, oder (b) die zusätzlich erreichten Kinder systematisch ein geringeres [höheres] Krankheits- und Sterberisiko haben als diejenigen, die vom normalen Gesundheitssystem erreicht werden.“

[4] ↑ Bei vielen unserer Kostenwirksamkeitsanalysen berücksichtigen wir, was andere Geldgeber beitragen und wie unsere Förderung deren Maßnahmen verändern könnte, wie in diesem Blogbeitrag von 2018 beschrieben. (Bitte beachte, dass die spezifischen Zahlen im Blogbeitrag inzwischen veraltet sind.)

[5] ↑ Für unseren Förderzuschuss an Evidence Action für Syphilis-Screening und -Behandlung in der Schwangerschaft in Sambia und Kamerun erstellten wir Projektionen, die u.a. eine 55% Chance vorsahen, dass „Evidence Action diese Arbeit in fünf Jahren (2027) vollständig an die Regierung in Sambia übergeben und weniger als $150.000 pro Jahr im Land für dieses Programm ausgeben wird.“ Wir prognostizierten auch eine 50% Chance, dass die sambische Regierung das Programm in einem Jahr ohne die Unterstützung von Evidence Action aufgestockt hätte (siehe diesen Abschnitt unserer Kostenwirksamkeitsanalyse). 

[6] ↑ Wir schätzen, dass das Programm von New Incentives aufgrund der Vorteile der Herdenimmunität um 25 % kosteneffektiver ist, als unser Hauptmodell vermuten ließe (siehe hier). Wir modellieren die Auswirkungen der Krankheitsübertragung nicht und halten dies auch für schwierig, aber wir fügen die 25 %ige Steigerung der Kosteneffizienz als eine sehr spekulative beste Schätzung der Größenordnung des Effekts ein. 

[7] ↑ Wir vergleichen verschiedene Ergebnisse miteinander über unsere “moralische Gewichtung”. Derzeit bewerten wir einen verhinderten Todesfall als etwa 100 Mal wertvoller als ein Jahr mit verdoppeltem Konsum. Diese Abwägungen beschränken sich nicht auf vermiedene Todesfälle im Vergleich zu erhöhtem Einkommen; wir berücksichtigen auch den Wert vermiedener Behinderungen (wie im Fall der Klumpfußbehandlung) und anderer Vorteile. 

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