Alternative Proteine für ein nach­haltiges und gerechtes Ernährungs­system

Wir stehen als Menschheit vor enormen Herausforderungen, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Es ist entscheidend für den Fortbestand der Menschheit, den Klimawandel einzudämmen. Eng damit verbunden ist der Erhalt unserer Ökosysteme im Meer und an Land, insbesondere unserer Wälder. Aber auch eine wachsende Weltbevölkerung von fast zehn Milliarden Menschen bis 2050 zu ernähren und die lebensrettenden Eigenschaften von Antibiotika zu erhalten, indem wir verhindern, dass sich weitere antimikrobielle Resistenzen bilden.

Warum wir eine Proteinwende brauchen

Auf all diese Herausforderungen hat unser Ernährungssystem und insbesondere, wie wir den weltweit wachsenden Proteinbedarf decken, großen Einfluss. So ist die Tierhaltung für mehr als 20% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – das ist genauso viel, wie sämtliche Autos, LKWs, Flugzeuge, Schiffe und Züge auf der Welt zusammen ausstoßen. Tierhaltung beansprucht 80% der landwirtschaftlichen Fläche und hat immer wieder auch die Rodung von Wäldern zur Folge. 

Es werden mehr als 1,25 Milliarden Tonnen Futtermittel für die Tierhaltung benötigt, was die Preise für Getreide und Hülsenfrüchte in die Höhe treibt und damit Armut und Unterernährung weltweit verstetigt. Außerdem werden in der konventionellen Tierhaltung in großem Umfang Antibiotika eingesetzt, was günstige Bedingungen für multiresistente Keime schafft. UN-Organisationen sehen in dem steigenden Fleischkonsum und der industriellen Tierhaltung die wahrschein­lichsten Ursachen der nächsten Pandemie.

In Deutschland mag der Fleischkonsum in den letzten Jahren etwas zurückgegangen sein, doch weltweit steigt die Nachfrage steil an. Prognosen gehen von einem Wachstum um 60 % bis 2050 aus. Studien der Universität Oxford zeigen, dass selbst bei einem sofortigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern die derzeitigen Entwicklungen in den globalen Ernährungssystemen es unmöglich machen würden, die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Alternative Proteine als Chance

Einer der größten Hebel, um diese Herausforderung zu bewältigen, sind alternative Proteine, also pflanzenbasierte, durch Fermentationsverfahren gewonnene und kultivierte Fleisch-, Fisch-, Eier- und Milchprodukte. 

Pflanzenbasierte Lebensmittel der neuesten Generation ähneln optisch, geschmacklich und im Hinblick auf ihre Kocheigenschaften den Produkten aus der Tierhaltung. Aber es müssen noch Fortschritte gemacht werden, bevor pflanzliche Produkte preislich und geschmacklich mit konventionellen tierischen Produkten gleichziehen können, was für ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt unerlässlich ist. Kultiviertes Fleisch ist identisch mit dem Fleisch, das die Menschen heute essen – allerdings wird das Fleisch dabei direkt aus tierischen Zellen kultiviert, statt Tiere dafür zu schlachten. 

So muss niemand auf liebgewonnene Speisen wie Schnitzel, Fischfilet oder Wurst verzichten. Durch alternative Proteinquellen kann all das auf dem Speiseplan bleiben, ohne die negativen Auswirkungen der Tierhaltung. So wie das Ziel bei Erneuerbaren Energien und Elektrofahrzeugen darin besteht, damit fossile Energieträger und verbrennungsbetriebene Fahrzeuge auszutauschen, geht es auch bei pflanzlichem und kultiviertem Fleisch darum, den Menschen nachhaltige Optionen an die Hand zu geben, statt Verzicht zu fordern.

Die Umstellung auf pflanzenbasiertes Fleisch könnte die klimaschädlichen Emissionen im Vergleich zur Tierhaltung um bis zu 92% reduzieren und den Flächenbedarf sehr deutlich senken. Wenn wir Pflanzen für die Ernährung von Menschen anbauen, statt sie für die Ernährung von Tieren zu verwenden, könnte sich der Welthunger stark verringern lassen. Erste Studien zu kultiviertem Fleisch zeigen, dass auch dieses bis zu 92% weniger Treibhausgase verursachen und bis zu 90% weniger Fläche beanspruchen würde, wenn die Herstellung mit Erneuerbaren Energien erfolgt. 

Zusammen haben pflanzliches und kultiviertes Fleisch das Potenzial, die globalen Emissionen bis 2050 um 10 bis 14 Gt CO₂-eq pro Jahr zu reduzieren, wie ein gemeinsamer Report der Organisation Climate Advisors und des Good Food Institutes zeigt. Das sind 14-20% der notwendigen Emissionsminderung zur Verwirklichung des Pariser Klimaschutzabkommens. 

GFI als Fortschrittsbeschleuniger 

Das Good Food Institute (GFI) setzt sich dafür ein, dass alternative Proteine für die Menschen zur ersten Wahl werden. Als globales Netzwerk aus sechs gemeinnützigen Organisationen, darunter GFI Europe, arbeiten mehr als 200 Beschäftigte mit Wissenschaftler:innen, Unternehmen und Politik daran, ein Ökosystem für kultivierte, pflanzen- und fermentationsbasierte Lebensmittel aufzubauen und diese schmackhaft, erschwinglich und für alle zugänglich zu machen.

Leitgedanke von GFI ist es, Ressourcen genau dort einzusetzen, wo sie am meisten nützen können, weil da noch eine Lücke in der Forschung ist, weil GFI am besten für diese Aufgabe aufgestellt ist oder weil auf einem bestimmten Gebiet am meisten bewegt werden kann. 

Open-Access Forschung bringt den gesamten Sektor voran

Als spendenfinanzierte, gemeinnützige Organisation ist GFI in einer einzigartigen Position, um qualitativ hochwertige Forschung zu fördern, die das wissenschaftliche Fundament des Sektors für alternative Proteine bildet. Private Unternehmen unterliegen wirtschaftlichen Zwängen, die dazu führen, dass sie kleinteilige Forschung betreiben, die zeitnah Gewinn verspricht, im Sinne ihrer Investoren. GFI unterliegt diesen Sachzwängen nicht und kann dadurch eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung bahnbrechender Forschungsarbeiten spielen, die zu einem echten Paradigmenwechsel führen können. Außerdem kann GFI darauf hinwirken, dass Forschungsergebnisse, Daten und Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der gesamten Branche frei zugänglich gemacht werden. Dabei fördert GFI insbesondere Lösungen in Bereichen, in denen zu wenig Menschen arbeiten und zu wenig Geld investiert wird. 

GFIs Research Grant Programme gibt Antworten auf grundlegende Fragen und regt weitere Forschung an. Bis heute hat GFI mit dem Programm weltweit 103 Projekte in 19 Ländern gefördert. Die Geförderten haben $1,8 Millionen an GFI-Mitteln in $16,9 Millionen an Folgefinanzierungen aus öffentlichen Förderprogrammen umgewandelt. Eine frühzeitig von Stiftungen und privaten Spender:innen finanzierte Innovation ist ein Katalysator und ein Anreiz für Regierungen, zusätzliche öffentliche Mittel zur Verfügung zu stellen.  

Zudem stellt GFI Daten und Markteinschätzungen zur Verfügung, die Entscheidungen und Strategien von Unternehmen und Investoren beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise Verkaufsdaten und Analysen für Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte auf pflanzlicher Basis, die GFI Europe Anfang 2023 für 13 europäische Länder veröffentlicht hat und über die in der Presse breit berichtet wurde (z.B. im Handelsblatt und der WirtschaftsWoche).

Einsatz für öffentliche Fördermittel und faire politische Rahmen­bedingungen

Öffentliche Mittel sind entscheidend, um den Sektor zu skalieren und um das Potenzial zu heben, das alternative Proteine für das Klima und die Gesellschaft bieten. Ein vom britischen Außenministerium gemeinsam mit der ClimateWorks Stiftung finanzierter Report fordert, dass die Politik weltweit $10,1 Milliarden pro Jahr in alternative Proteine investiert. Laut der Studie könnte eine solche Investition weltweit fast zehn Millionen Arbeitsplätze und einen wirtschaftlichen Mehrwert von bis zu $1,1 Billionen schaffen. 

Auch wenn die Aussichten vielversprechend sind, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Die bisherigen Investitionen in open-access Forschung und Entwicklung belaufen sich nur auf einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag, der bei weitem nicht ausreicht. Um Fortschritt in diesem Sektor zu beschleunigen, strebt GFI eine Verzehnfachung der jährlichen öffentlichen Mittel für alternative Proteine in den nächsten drei Jahren an. Durch Spenden an GFI wird ein Vielfaches an staatlichen F&E-Mitteln mobilisiert.

Die Politik hat großen Einfluss darauf, in welcher Fom und wie schnell alternative Proteine für die Menschen verfügbar werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine verlässliche und transparente Regulierung. Hierzu gehören ein sicherer und verlässlicher Rechtsrahmen für die Zulassung dieser neuen Produkte, aber auch faire Wettbewerbsbedingungen – etwa im Hinblick darauf, welche Produktbezeichnungen pflanzenbasierte und kultivierte Produkte tragen dürfen, so dass die Verbraucher:innen informierte Kaufentscheidungen treffen können. 

Hier hat GFI eine koordinierende Rolle bei der Ablehnung des EU-weiten Vorschlags für ein „Veggie-Burger-Verbot“ im Jahr 2019 gespielt, der die Nutzung von Bezeichnungen wie „Burger“ und „Wurst“ für pflanzliche Produkte ausgeschlossen hätte. Gleiches gilt für eine Initiative von 2021, die Bezeichnungen von pflanzlichen Milchprodukten weiter einzuschränken, die unter anderem dazu geführt hätte, dass Begriffe wie „cremig“ nicht mehr für pflanzliche Optionen verwendet werden dürfen. 

In Deutschland haben sich die Koalitionsparteien in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, den Sektor stärker zu fördern: „Wir stärken pflanzliche Alternativen und setzen uns für die Zulassung von Innovationen wie alternative Proteinquellen und Fleischersatzprodukten in der EU ein.“ GFI Europe ist in engem Austausch mit Abgeordneten und den zuständigen Ministerien, um diese Ziele zu konkretisieren und mit Leben zu füllen. Etwa durch die Veröffentlichung des GFI Europe State of the Industry Report für Deutschland, der einen umfassenden Überblick über das deutsche Ökosystem gibt und auch politische Handlungsempfehlungen formuliert.

Alternative Proteine können einen großen Beitrag dazu leisten, einige der größten Herausforderungen zu meistern, vor denen die Menschheit aktuell steht. Der Bereich entwickelt sich sehr schnell weiter. Pflanzenbasierte Produkte bleiben weltweit ein Wachstumsmarkt und im Hinblick auf kultiviertes Fleisch reiht sich ein Meilenstein an den nächsten: Bis Juni 2023 war Singapur der einzige Ort in der Welt, an dem man bereits echtes Fleisch kaufen konnte, das nicht aus Tierhaltung, sondern aus Zellkultivierung stammt. 

Inzwischen hat kultiviertes Fleisch auch in den USA die letzte regulatorische Hürde für den Verkauf genommen, und im Juli dieses Jahres rückte der Markteintritt dann auch in Europa näher – mit ersten Zulassungsanträgen in der Schweiz und in Großbritannien. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch in der Europäischen Union der erste offizielle Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch eingeht. Wie schnell die Menschen in Europa tatsächlich Zugang zu kultiviertem Fleisch erhalten, hängt auch und vor allem davon ab, wie sehr die Politik die nachhaltige Proteinwende unterstützt.

Die Arbeit von GFI als Katalysator für das gesamte Spektrum von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik trägt dazu bei, dass nachhaltigere Optionen künftig keine „Alternative“ mehr sind, sondern die erste Wahl der Verbraucher:innen. 

Über die Autorin

Avatar von Lia-Alexis Hildebrandt

Lia-Alexis arbeitet für das Good Food Institute Europe, eine Top-Empfehlung von Effektiv Spenden in den Bereichen Klima schützen und Tierleid verringern.

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